Das Drehbuch-Leak von The Hateful 8: vom angekündigten Rückzug bis zum Dreh

Im Januar 2014 veranlasste die nicht autorisierte Verbreitung des Drehbuchs Tarantino zu der Ankündigung, The Hateful 8 auf Eis zu legen. Der Film überstand den Konflikt, doch das Leak, der Rechtsstreit und die Rückkehr in die Produktion folgten unterschiedlichen Zeitplänen.

Januar 2014: Ein Projekt verliert seine private Verbreitung

Am 21. Januar 2014 wurde Quentin Tarantinos Reaktion auf das Leak eines Entwurfs von The Hateful 8 öffentlich bekannt. Er hatte den Text nur mit einer kleinen Gruppe geteilt und festgestellt, dass er über diesen Kreis hinaus verbreitet wurde. Im Gespräch mit Mike Fleming Jr. von Deadline kündigte er an, das Drehbuch nicht als nächsten Film zu verfilmen, und erwog, das Material zu veröffentlichen. Es war eine Reaktion darauf, dass er die Kontrolle über ein noch in Arbeit befindliches Werk verloren hatte.

Diese Ankündigung bedeutet nicht, dass ein bereits gedrehter Film aus den Kinos zurückgezogen wurde. Das Projekt befand sich in einer Phase vor der Produktion, die das Publikum schließlich zu sehen bekam. Das Wort „Abbruch“ beschreibt die damals geäußerte Entscheidung, muss aber zeitlich eingeordnet werden: In den folgenden Monaten arbeitete Tarantino erneut am Text und griff die Möglichkeit einer Verfilmung wieder auf. Wer nur die Ankündigung vom Januar betrachtet, lässt die Entwicklung außer Acht, die den Kinostart 2015 möglich machte.

Wer das Leak ursprünglich veranlasste, ließ sich anhand der gesichteten Unterlagen nicht abschließend feststellen. Tarantino äußerte Verdachtsmomente und erläuterte, an wen er Exemplare weitergegeben hatte. Ein öffentlich geäußerter Verdacht ist jedoch kein Beweis. Ebenso macht der Erhalt einer Kopie jemanden nicht automatisch für ihre Verbreitung verantwortlich. Der Vorfall lässt sich nachzeichnen, ohne einem Schauspieler oder Vertreter einen konkreten Verrat zuzuschreiben, wenn es dafür keine belegte Schlussfolgerung gibt.

Die Verbreitung des Dokuments brachte ein weiteres Problem mit sich: Das Publikum begann über eine Geschichte zu sprechen, die sich noch ändern konnte. Ein Entwurf enthält vorläufige Entscheidungen und ist keine Verpflichtung, jede Szene im späteren Film genauso umzusetzen. Das Interesse an den durchgesickerten Details konnte Erwartungen festlegen, bevor der Autor den Prozess abgeschlossen hatte. Diese Spannung zwischen Arbeitstext und veröffentlichtem Werk begleitet die Kontroverse auch dann, wenn man ihre juristische Dimension außer Acht lässt.

Die Klage gegen Gawker und ihr Verlauf

Gawker berichtete über das Leak und veröffentlichte Links zu Websites, auf denen das Drehbuch eingesehen werden konnte. Am 27. Januar reichte Tarantino beim Bundesgericht für den Central District of California Klage ein. Die ursprüngliche Klage gegen Gawker konzentrierte sich auf dessen Beitrag zu einer mutmaßlichen Urheberrechtsverletzung durch diese Links. Dieses Vorgehen ist vom ursprünglichen Leak zu unterscheiden: Das Verfahren bewies nicht, dass Gawker den Entwurf erstmals außerhalb des autorisierten Kreises weitergegeben hatte.

Richter John F. Walter wies die ursprüngliche Klage am 22. April 2014 ab und gestattete eine geänderte Klageeinreichung. In der Entscheidung wurde geprüft, ob die Vorwürfe ausreichten, um den geltend gemachten Anspruch zu begründen, einschließlich des Zusammenhangs zwischen einer unmittelbaren Verletzung und der Beihilfe dazu. Es handelte sich nicht um ein Urteil nach einem Prozess, in dem die Person identifiziert wurde, die das Leak verursacht hatte. Ebenso wurde keine unbegrenzte Regel aufgestellt, wonach jeder Link zu beliebigem urheberrechtlich geschütztem Material stets zulässig wäre.

Am 1. Mai reichte Tarantino eine geänderte Klage mit neuen Vorwürfen gegen Gawkers Vorgehen ein. Am 7. Mai nahm er diese Klage freiwillig zurück, ohne auf das Recht zu verzichten, sie erneut einzureichen. Die Abfolge ist wichtig: Abweisung mit der Möglichkeit zur Änderung, Änderung der Klage und freiwillige Rücknahme sind unterschiedliche Vorgänge. Sie pauschal als umfassenden endgültigen Sieg oder Niederlage darzustellen, verschleiert den konkreten Verfahrensausgang dieser Akte.

Die Rücknahme ist für sich genommen kein Beleg für eine geheime finanzielle Einigung, eine gezahlte Entschädigung oder ein Schuldeingeständnis. Solche Schlussfolgerungen würden zusätzliche Unterlagen erfordern. Anhand der verfügbaren Akten lässt sich erklären, wie das Verfahren 2014 endete. Hier ist es von historischem Interesse und steht im Zusammenhang mit der Produktion des Films; es geht nicht darum, aus dem Fall einen aktuellen Leitfaden für die Veröffentlichung oder Verlinkung fremder Drehbücher zu machen.

Die öffentliche Lesung und die Wiederaufnahme des Filmprojekts

Während der Rechtsstreit weiterlief, organisierte Tarantino gemeinsam mit Film Independent eine szenische Lesung des Textes. Die Veranstaltung fand am 19. April 2014 im Theater des Ace Hotels in Los Angeles statt. Datum und Ort hatten sich gegenüber der ersten Ankündigung geändert, in der die Lesung einige Tage später im LACMA angesetzt worden war. Das erklärt, warum frühe Berichte voneinander abweichende Angaben enthalten, ohne sich auf zwei vollständige Lesungen desselben Ereignisses zu beziehen.

Mit der Lesung erhielt der Autor die Möglichkeit zurück, das Material einem Publikum zu präsentieren. Die versammelten Schauspieler und eine inszenierte Interpretation boten etwas anderes als den isolierten Download einer Datei. Dennoch war es weder der fertige Film noch ein Versprechen, alle Entscheidungen des Entwurfs beizubehalten. Der Text wurde weiter überarbeitet. Die Veranstaltung zeigte, dass das Projekt nach der Ankündigung, es aufzugeben, und vor der konkreten Bestätigung der Dreharbeiten öffentlich weiterleben konnte.

Die Produktion begann im Winter 2014/2015, und der Spielfilm kam 2015 in die Kinos. Zwischen dem durchgesickerten Dokument, der Lesung und dem Film gab es Änderungen am Drehbuch und an der Inszenierung. Deshalb das veröffentlichte Drehbuch von The Hateful 8 anhand seiner Ausgabe und seines Verhältnisses zum Film identifiziert werden, statt davon auszugehen, dass jede PDF-Datei mit diesem Titel denselben Textstand wiedergibt.

Die Chronologie zeigt, dass das Projekt wieder aufgenommen wurde, nicht aber, dass der Konflikt im Nachhinein verschwand. Das Leak beeinflusste seine Entwicklung, der Rechtsstreit nahm einen begrenzten Verlauf, und die Lesung schuf eine Möglichkeit der Begegnung mit dem Publikum, während sich das Material weiter veränderte. Der fertige Film zeigt, dass der angekündigte Rückzug nicht endgültig war. Er beweist nicht, dass das Leak für die Werbung notwendig oder von Vorteil war oder gezielt herbeigeführt wurde.

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