L’incontro con la figlia ist am Ende des ersten Kapitels zu hören, als die Gewalt das Versteck zerstört und Shosanna flieht. Das Stück gehört nicht zur Entwicklung des britischen Plans.
Die Einordnung: das Ende auf dem Bauernhof
L’incontro con la figlia ist eine Komposition von Ennio Morricone aus Il ritorno di Ringo (Die Rückkehr des Ringo) aus dem Jahr 1965. In Inglourious Basterds begleitet sie den Abschnitt, der mit der Gewalt gegen die Familie Dreyfus und Shosannas Flucht seinen Höhepunkt erreicht. Das Stück ist nicht in der Vorbereitung der Operation Kino zu hören, die zu einem anderen Kapitel und einem anderen Handlungsstrang gehört.
Der italienische Titel bedeutet ungefähr „die Begegnung mit der Tochter“. Diese Bezeichnung gehört zum ursprünglichen Kontext der Musik. Sie sollte nicht dazu verleiten, eine Wiederbegegnung zwischen Shosanna und ihrem Vater in Tarantinos Film zu erfinden. Das Fragment erhält eine neue Funktion, wenn es mit Bildern verbunden wird, für die es nicht komponiert wurde.
Bei der Zuordnung muss man außerdem zwischen der Musik im Film und der Auswahl auf dem kommerziell veröffentlichten Album unterscheiden. Ein Stück kann im Film zu hören sein, ohne auf dem unter diesem Titel veröffentlichten Hauptalbum enthalten zu sein. Das erklärt, warum die Suche in einer gekürzten Albumtitelliste ein Fragment auslassen kann, das in der Szene klar zu erkennen ist.
Die Herkunft aus einem italienischen Western rückt das Ende des Kapitels in die Nähe einer Tradition von Verlust, Verfolgung und Überleben. Daraus muss keine Gleichsetzung der Handlungen werden. Die Musik kann eine Erinnerung an ein Genre wecken, während die konkrete Situation die Verfolgung einer jüdischen Familie im besetzten Frankreich bleibt.
Vom langen Dialog bis ins Freie
Die erste Sequenz nimmt sich viel Zeit für ein Gespräch in einem geschlossenen Raum. Als die Gewalt ausbricht, wird diese Ordnung aufgebrochen und Shosannas Bewegung gewinnt an Intensität. Der fliehende Körper gibt der Szene eine klare Richtung, wo zuvor Fragen und Antworten dominierten. Die Musik begleitet diesen Wechsel der Wahrnehmung.
Die Flucht ist kein vollständiger Sieg. Shosanna kann sich in Sicherheit bringen, doch die Möglichkeit, am Leben zu bleiben, lässt sich nicht von dem trennen, was sie gerade verloren hat. Eine rein triumphale Begleitung würde diesen Widerspruch einebnen. Die emotionale Qualität des Stücks lässt Flucht und Verwüstung nebeneinander bestehen, ohne dass eines das andere aufhebt.
Auch der Abstand zwischen dem Haus und der davonlaufenden Gestalt verändert das Ausmaß der Gefahr. Im Haus waren die Figuren der Nähe Landas und seiner Männer ausgesetzt. Draußen hängt das Überleben davon ab, Abstand zu gewinnen. Die Musik hält die emotionale Verbindung zwischen beiden Orten aufrecht, sodass es nicht den Anschein hat, als würde Shosanna mit dem Verlassen des Hauses auch dessen Folgen hinter sich lassen.
Das Publikum erhält keinen vollständigen Überblick über Shosannas Zukunft. Es sieht, wie sie einer unmittelbar lebensbedrohlichen Situation entkommt. Das Fragment kann diesem Aufbruch Gewicht verleihen, ohne genau anzukündigen, was die Figur als Nächstes tun wird. Seine Funktion liegt im gegenwärtigen Moment der Flucht und in dessen Nachwirkungen, nicht in einer vorweggenommenen Erklärung ihres gesamten Lebenswegs.
Die Musik lässt das Ende eines Gesprächs als mehr erleben als den Beginn einer Verfolgung. Während des Verhörs waren die Informationen ungleich verteilt: Einige Figuren wussten, wo sich die Versteckten befanden, während andere versuchten, dieses Geheimnis zu bewahren. Nach den Schüssen weicht diese Wissensordnung einem unmittelbaren körperlichen Bedürfnis. Das Stück trägt den Übergang vom Bemühen zu schweigen zum Bemühen zu entkommen. Dieser Wechsel ist bedeutsam, weil das Publikum lange Zeit Worten gelauscht hat, bevor es schließlich einen fliehenden Körper begleitet.
Eine Melodie, die den Verlust bewahrt
Morricones Musik wiederzuverwenden, erzeugt ein Gefühl, das über die praktischen Informationen zur Flucht hinausgeht. Zu wissen, dass Shosanna sich entfernt, würde genügen, um der Handlung zu folgen; die Musik verleiht diesem Fortgehen eine spürbare Dauer. Der Film lässt uns ihre Bewegung begleiten und zugleich wahrnehmen, dass der zurückgelassene Ort nicht mehr so wiedergewonnen werden kann wie zuvor.
Man muss der Komposition nicht für jeden Gedanken der Figur eine genaue Entsprechung zuschreiben. Die Musik gewährt keinen unmittelbaren Einblick in ihre Gedankenwelt. Sie wirkt auf die Aufmerksamkeit des Publikums und auf die Beziehung zwischen den Bildern. Für die Zuhörenden kann sie Trauer oder Verlorenheit ausdrücken, ohne dass diese Begriffe in der Szene ausgesprochen werden.
Innerhalb des Soundtracks von Inglourious Basterds erfüllt dieses Stück eine andere Aufgabe als The Verdict, das die Ankunft auf dem Bauernhof begleitet. Das eine bereitet die Annäherung der Bedrohung vor, das andere ist mit ihren Folgen verbunden. Dieser Unterschied gibt dem ersten Kapitel einen musikalischen Verlauf, statt es auf eine einzige, undifferenzierte Spannung zu reduzieren.
Die Verbindung zwischen Morricone und Tarantinos Kino umfasst viele solcher Aneignungen, doch hier konzentriert sich die Wirkung auf ein Mädchen, das vor den Augen des Publikums zur Überlebenden wird. Die Musik gibt ihrer Familie nicht wieder zurück und macht aus der Flucht keinen glücklichen Abschluss. Sie hält den Abstand zwischen der Flucht vor dem Tod und dem Verlust des Lebens, das vor diesem Besuch bestand, offen.
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