In Inglourious Basterds werden die im Kino gelagerten Filme zu einem Teil des Plans von Shosanna und Marcel. Die Entflammbarkeit von Nitrat ist historisch belegt; die Sequenz bleibt dennoch eine dramatische Konstruktion.
Das Filmmaterial wird Teil der Handlung
Shosannas Kino ist nicht nur der Ort, an dem Stolz der Nation gezeigt wird. Es enthält auch Filmkopien und Materialien, die zum Arbeitsalltag des Filmvorführens gehören. Die Erzählung lenkt die Aufmerksamkeit auf dieses physische Trägermaterial und bezieht es in den Anschlag ein. Der Film ist nicht länger nur eine Abfolge von Bildern, sondern wird als gelagerter, transportierbarer und manipulierbarer Gegenstand dargestellt.
Zellulosenitrat wurde in den ersten Jahrzehnten des Kinos vielfach als Trägermaterial verwendet. Konservierungseinrichtungen wie das George Eastman Museum erläutern seine Entflammbarkeit und seine Neigung zur Zersetzung. Dieser Hintergrund macht es plausibel, dass eine Sammlung alter Filme ein materielles Risiko darstellt. Nicht jeder Zelluloidfilm besteht aus Nitrat, und nicht alle Filmträger haben dieselben Eigenschaften.
Die Unterscheidung zwischen Nitrat, Acetat und anderen Materialien verhindert irreführende Verallgemeinerungen. Der Begriff „Zelluloid“ wird oft weit gefasst verwendet, doch die Handlung von Inglourious Basterds beruht auf einem konkreten historischen Trägermaterial. Sein Verhalten lässt sich nicht ohne Weiteres auf jede Filmrolle oder ein heutiges audiovisuelles Archiv übertragen.
Der Film schildert diese Gefahr besonders eindringlich, weil das Publikum die erzählerische Möglichkeit schnell verstehen soll. Der dramatische Vergleich, den er zieht, ist nicht als vollständiges wissenschaftliches Datenblatt zu verstehen. Ein Spielfilm kann sich auf eine reale Eigenschaft stützen und ihr Verhalten vereinfachen, um eine klare Sequenz zu gestalten.
Shosanna und Marcel nutzen ihr Wissen
Der Plan geht von der Position von Shosanna Dreyfus als Kinobetreiberin aus. Die Entscheidung, die Premiere dorthin zu verlegen, bietet ihr eine außergewöhnliche Gelegenheit: Sie kann führende Vertreter des Regimes an einem Ort versammeln, den sie kennt. Sie kontrolliert weder die Politik der Nazis noch hat sie von Anfang an die Ankunft aller Gäste organisiert. Sie nutzt ein Ereignis, das andere ihr berufliches Leben aufgezwungen haben.
Marcelist an der Vorbereitung und Durchführung beteiligt. Seine Rolle sollte nicht auf die einer Figur reduziert werden, die im Hintergrund gehorcht, während Shosanna alles allein erledigt. Das Ende hängt davon ab, dass beide an verschiedenen Orten handeln und bestimmte Vorgänge weiterlaufen können, selbst wenn sie in der Vorführkabine eingeschlossen ist. Durch ihre Zusammenarbeit reicht der Plan über die körperliche Anwesenheit seiner Urheberin hinaus.
Das Verschließen der Zugänge hat eine klare erzählerische Funktion: Aus einem Vorführort wird ein Raum, den die Gäste nicht frei verlassen können. Für die Analyse der Szene ist es nicht nötig, Abläufe zu beschreiben oder Anweisungen zum Legen von Bränden zu geben. Entscheidend ist die Umkehr der räumlichen Machtverhältnisse. Diejenigen, die das Kino als privilegierte Gäste eingenommen haben, können ihre Bewegungen darin nicht länger selbst bestimmen.
Die Vorführung von Stolz der Nation ist ebenfalls Teil dieser zeitlichen Inszenierung. Das Publikum ist versammelt und auf eine Vorführung konzentriert, die das Regime feiern soll. Shosannas Botschaft durchbricht diesen Rahmen über genau dieselbe Vorrichtung, die ihn getragen hat. Die materielle Bedrohung und der Eingriff auf der Leinwand verschmelzen zu einem einzigen Ereignis.
Plausibilität ist keine dokumentarische Rekonstruktion
Die Sequenz verbindet Feuer, Schüsse und Explosionen, die aus unterschiedlichen Plänen hervorgehen. Das sichtbare Ergebnis lässt sich nicht ausschließlich dem Nitrat zuschreiben, als handelte es sich um eine isolierte Demonstration. Die Montage führt Ursachen und Wirkungen zu einem kontrafaktischen Ende zusammen. Ausmaß, Geschwindigkeit und dramatische Abstimmung der Zerstörung gehören zu dieser filmischen Konstruktion.
Das historische Risiko von Nitrat bedeutet auch nicht, dass alle Kinos der damaligen Zeit ohne Schutzmaßnahmen betrieben wurden. Die Aufbewahrung und Vorführung des Materials erfordern besondere Bedingungen, und seine Geschichte umfasst Versuche, diese Gefahr einzudämmen. Die Fiktion greift die für die Handlung relevante Verwundbarkeit heraus. Sie bildet nicht für sich allein die gesamte Berufspraxis der Kinos jener Zeit ab.
Das Bild der brennenden Filme fügt eine paradoxe Note hinzu. Das Kino verschafft Shosanna eine Beschäftigung und ein Leben unter einer geschützten Identität, kann aber auch zum Werkzeug ihrer Gegenwehr werden. Das Archiv bewahrt nicht länger nur Bilder auf, sondern wird Teil einer Zerstörung. Diese Deutung ergibt sich aus der Funktion des Gegenstands innerhalb der Geschichte, ohne dem Regisseur eine Aussage über das Verbrennen realer Archive zuschreiben zu müssen.
Außerdem sollte man den fiktiven Brand von seiner audiovisuellen Umsetzung unterscheiden. Ton, Beleuchtung, Effekte und Montage erzeugen ein Erlebnis, das nicht damit gleichzusetzen ist, einen Brand unvermittelt zu beobachten. Das Geräusch brennenden Zelluloidsgehört zu dieser Gestaltung; Aussagen über die Dreharbeiten am Kulissenbau erfordern hingegen konkrete Zeugnisse und lassen sich nicht allein aus der Intensität der Szene ableiten.
Im Finale von Inglourious Basterds verbindet Nitrat Beruf, Erinnerung und Handlung. Seine Präsenz ermöglicht es der Kinobetreiberin, aus der materiellen Welt heraus zurückzuschlagen, die sie kennt. Die historische Grundlage erklärt, warum dieses Mittel wiedererkennbar ist; die Inszenierung führt es in eine Rachefantasie, die den Kriegsverlauf bewusst verändert.
Mehr Hintergrund bietet der Leitfaden zu Inglourious Basterds.
