Shosanna Dreyfus: Mit einem anderen Namen leben und die eigene Stimme zurückgewinnen

Shosanna überlebt, indem sie ihre Identität verbirgt, und bringt schließlich einen ganzen Saal dazu, ihren Namen zu hören. Zwischen diesen beiden Momenten liegen die alltägliche Arbeit im Kino, ihre Beziehung zu Marcel und die ständige Wachsamkeit darüber, was sie preisgeben darf.

Emmanuelles Identität als Voraussetzung fürs Überleben

Shosanna Dreyfus’ erster Auftritt ist von einer Flucht geprägt. Die junge Frau entkommt dem Massaker an ihrer Familie und verschwindet aus Landas Blickfeld. Als die Erzählung in Paris zu ihr zurückkehrt, lebt sie unter dem Namen Emmanuelle Mimieux und führt ein Kino. Die Auslassung ist wichtig: Der veröffentlichte Film zeigt nicht Schritt für Schritt, wie sie diese neue Situation erreicht hat. Füllt man diese Lücke mit Episoden aus Drehbuchfassungen, schreibt man dem Schnitt womöglich Ereignisse zu, die er nicht zeigt.

Ihre falsche Identität ist kein Spiel, das sie nach dem Ende einer Mission ablegen kann. Sie ermöglicht ihr, zu arbeiten, mit Kundinnen und Kunden zu sprechen und sich in einer besetzten Stadt zu bewegen. Jede Frage zu ihrer Vergangenheit verlangt, Emmanuelles Geschichte aufrechtzuerhalten. Die Spannung der Figur entsteht aus dieser Dauer: Selbst ein scheinbar beiläufiges Gespräch kann Folgen haben, denn ihr Überleben hängt davon ab, keinen verräterischen Fehler zu machen.

Mélanie Laurent vermittelt einen großen Teil dieses Drucks durch Zurückhaltung. Shosanna kann auf Menschen, die ihr näherkommen wollen, schroff oder distanziert wirken, doch das Publikum kennt den Grund für ihr Misstrauen gegenüber einer deutschen Uniform. Der Unterschied zwischen dem Wissen des Publikums und dem ihres Gegenübers verleiht ihren Antworten Schutz. Ihre Ablehnung braucht kein erklärendes Geständnis, um verständlich zu sein.

Die Arbeit im Kino gibt ihr zudem eine positive Identität, die über das Geheimnis hinausgeht. Sie stellt das Programm zusammen, kümmert sich um die Fassade und kennt die Vorführtechnik. Durch diesen Bezug zu ihrem Beruf erscheint das Gebäude nicht bloß als Schauplatz für die Rache. Es ist ein Ort des Lebens, der Arbeit und der Beziehungen, den die Besatzungsmacht schließlich in ihren Repräsentationsapparat einspannt.

Zollers Druck und Landas Schrecken

Die Beziehung zu Fredrick Zoller ist von einem Machtgefälle geprägt, das er gern übersieht. Sein Status als Kriegsheld öffnet ihm Türen und erlaubt es ihm, persönliche Vorlieben in amtliche Entscheidungen zu verwandeln. Shosanna hingegen kann nicht folgenlos Nein sagen. Dass er freundlich auftritt, hebt die Macht, die ihn begleitet, nicht auf und macht aus seinem Drängen keine erwiderte Romanze.

Die Entscheidung, die Premiere ins Kino zu verlegen, schränkt ihren Handlungsspielraum weiter ein. Was von außen wie eine berufliche Chance wirken könnte, bringt Nazifunktionäre in ihren Arbeitsbereich und stellt sie unter Beobachtung. Das Kino, das ihr einen geregelten Alltag ermöglicht hatte, wird zu einem Ort, an dem sich das Regime versammelt. Bedrohung und Handlungsmöglichkeit entspringen derselben Situation – obwohl Shosanna sich zunächst nicht ausgesucht hat, diese Gäste zu empfangen.

Die Begegnung mit Landa weckt eine andere Art von Angst. Shosanna muss dem Mann gegenübersitzen, der mit der Ermordung ihrer Familie in Verbindung steht. In der Strudelszene, muss sie als Emmanuelle auftreten und Fragen sowie Pausen aushalten, ohne erkennen zu lassen, was sie wiedererkennt. Der Film lässt uns ihren Schrecken beobachten, bestätigt aber nicht abschließend, wie viel der Oberst erkennt. Diese Ungewissheit gehört zum Erleben der Figur.

Mit Marcel verbindet sie eine Beziehung, in der sie sich vor dem Besatzer nicht verstellen muss. Er ist ihr Partner und arbeitet im Kino mit, auch bei den Vorbereitungen für das Attentat. Seine Anwesenheit verhindert, dass Shosannas Geschichte auf zwei Männer reduziert wird, die sie bedrängen. Ihr Entschluss zu handeln wird zu einem gemeinsamen Vorhaben mit konkreten Aufgaben und Risiken für beide – auch wenn das öffentliche Bild der Rache sich auf ihr Gesicht konzentrieren wird.

Vom Verstecken zum Eingreifen in die Vorführung

Shosanna nutzt ihr Wissen über das Kino, um eine Aktion vorzubereiten, die andere Figuren nicht kontrollieren können. Während die Militärs den Saal als Bühne für Propaganda oder als Ziel einer Operation betrachten, kennt sie seine Abläufe von innen. Die Vorführung ermöglicht es ihr, einen Auftritt und ein Signal aufeinander abzustimmen. Technisches Können wird zur erzählerischen Macht: Sie kann bestimmen, was das Publikum sieht und wann sich die Bedeutung des Abends wandelt.

Auch ihr Äußeres verändert sich, während sie sich auf die Premiere vorbereitet. Das Abendkleid und ihr Blick in den Spiegel machen den Willen sichtbar, mit einem selbst gewählten Erscheinungsbild an der Feier teilzunehmen. Diese Verwandlung sollte nicht auf eine einzige Gleichung aus Rot, Blut und Rache reduziert werden. Die Kleidung gehört zum Protokoll des Ereignisses und verstärkt zugleich den Auftritt einer Frau, deren Alltag es erforderte, bestimmte Blicke zu vermeiden.

Der gefilmte Auftritt durchbricht die Trennung zwischen öffentlicher und verborgener Identität. Das Gesicht, das der Saal sieht, bittet nicht mehr um Erlaubnis und beantwortet keine Sicherheitsfragen. Es erklärt, wer sie ist, und wendet sich aus einer Position an die Zuschauer, von der aus sie sie nicht unterbrechen können. Ihr Tod im Vorführraum macht diesen Auftritt nicht zunichte: Die Aufzeichnung bewahrt eine Stimme, die weiterwirkt, obwohl ihr Körper dazu nicht mehr in der Lage ist.

Dieses Ende ist auf besondere Weise hart. Shosanna erlebt weder eine letzte Begegnung mit Landa, in der sie Anerkennung erfährt, noch kann sie alle Folgen ihres Plans miterleben. Die Erzählung macht aus der Rache keine vollständige Wiedergutmachung für ihr Leben. Was ihr gelingt, ist, sich den Raum der Darstellung anzueignen, den die Anwesenden für sich beanspruchten. Die Überlebende, die einen anderen Namen brauchte, nimmt schließlich die Leinwand mit einer Identität ein, die das Regime auszulöschen versucht hatte.

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