Das zweite Kapitel stellt die Basterds durch Befehle, Taten und Gerüchte vor. Erzählerisch soll es zeigen, wie eine kleine Gruppe Gewalt in einen Ruf verwandelt, der sich unter ihren Feinden verbreitet.
Aldos Ansprache legt die Regeln der Gruppe fest
Das Kapitel beginnt damit, dass Aldo Raine zu den Soldaten spricht, die seiner Einheit angehören werden. Die Szene umreißt einen Auftrag hinter den feindlichen Linien und eine Vorgehensweise, die darauf beruht, den Nazis Angst einzujagen. Die Ansprache folgt dem Aufbau einer militärischen Rede, wandelt ihn jedoch durch groteske Forderungen und eine Vorstellung vom Krieg ab, in der körperliche Bestrafung im Mittelpunkt steht.
Die acht jüdisch-amerikanischen Rekruten sind keine dokumentarische Darstellung einer konkreten historischen Einheit. Sie gehören zur fiktiven Konstruktion des Films. Ihre Situation stellt eine Umkehrung der Verfolgungsbilder dar, die wir gerade gesehen haben: Nun können die jüdischen Figuren, denen die Erzählung folgt, diejenigen angreifen und in Angst versetzen, die zum NS-Apparat gehören.
Die Forderung nach Skalps dient als mündlich formulierte Regel und als Bild für eine dem Kommandanten geschuldete Abgabe. Aldo etabliert eine Sprache, die jede Tat zu einem Beitrag für eine gemeinsame Identität macht. Der Film muss keine vollständige Abrechnung zeigen, damit das Publikum diese Regel versteht. Die Ansprache bildet den Rahmen für die Gewaltszenen, die später folgen.
Der Tonfall verbindet Bedrohung und Komik. Aldos Akzent, sein Selbstbewusstsein und die maßlose Übertreibung seiner Formulierungen können zum Lachen bringen, doch der Inhalt handelt von Verstümmelungen und Morden. Dieses Nebeneinander verhindert, dass sich das Kapitel auf eine konventionelle Verherrlichung des Militärischen reduzieren lässt. Das Publikum muss sich mit dem Vergnügen an der Rache-Umkehr und der Brutalität auseinandersetzen, mit der sie zum Ausdruck kommt.
Taten werden zu Schauergeschichten
Die Episode zeigt, wie die Basterds gegen gefangene deutsche Soldaten vorgehen. Es wäre unzutreffend, das alles als Stadtguerilla zu bezeichnen: Die zentrale Verhör- und Bestrafungsszene spielt in einer abgelegenen Umgebung im Freien, fernab einer Straßenschlacht. Die Geografie ist wichtig, weil die Gruppe Raum und Zeit der Begegnung kontrolliert, während den Gefangenen keine Möglichkeit zur Flucht bleibt.
Als ein Offizier sich weigert, Informationen preiszugeben, erscheint Donny Donowitz, der sogenannte Jüdische Bär. Noch bevor man ihn in Aktion sieht, macht der Film ihn durch Geräusche und das Warten zu einer gefürchteten Gestalt. Sein Ruf eilt seinem Körper voraus. Der Auftritt erinnert an den einer legendären Figur, auch wenn das Folgende von ganz konkreter körperlicher Gewalt geprägt ist.
Der Baseballschläger, der dunkle Ausgang und die Reaktionen der Wartenden inszenieren Donnys Auftritt wie ein Theaterstück. Die Szene zeigt nicht einfach eine Hinrichtung, sondern auch, wie die Gruppe ein Ereignis vorbereitet, damit es gesehen und erinnert wird. Die Zeugen tragen zu seiner erzählerischen Wirkung bei, denn sie können die Geschichte an andere Orte weitertragen. Damit der Schrecken über die tatsächliche Größe der Einheit hinauswirkt, muss er sich verbreiten.
Die Vorstellung von Hugo Stiglitz fügt dieser gemeinsamen Identität eine weitere Geschichte hinzu. Die Montage unterbricht den unmittelbaren Handlungsverlauf, um seinen Ruf und sein Verhältnis zu den Nazis zu erklären. Dieser Exkurs soll nicht die gesamte Vorgeschichte jedes einzelnen Mitglieds darstellen. Stattdessen rückt er eine Figur in den Mittelpunkt, deren frühere Gewalttaten ihren Beitritt verständlich machen und den Eindruck einer Gruppe verstärken, deren Mitglieder aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen stammen.
Hitler, die Überlebenden und die Verbreitung der Angst
Hitlers Reaktion auf die Nachrichten über die Basterds zeigt die andere Seite dieses Vorgangs. Die Gruppe ist nicht im Raum anwesend, doch ihre Taten beeinflussen die Befehle und die Stimmung der NS-Führung. So macht der Film den Ruf zu einer Form von Fernwirkung. Gerüchte können die konkreten Ereignisse übersteigen und ein beinahe übernatürliches Bild von Donny entstehen lassen.
Der Film lässt diesen Mythos von dem Menschen unterscheiden, den wir gesehen haben. Der Jüdische Bär ist ein Mann, der brutale Gewalt ausübt – kein übernatürliches Wesen, dessen Existenz die Erzählung bestätigt. Die Deutungen, die unter seinen Feinden kursieren, spiegeln ihre Angst und ihr Bedürfnis wider, diese zu erklären. Sie sollten nicht als wörtliche Beschreibung der Filmwelt übernommen werden.
Auch die Überlebenden erfüllen eine Funktion. Aldo will nicht, dass alle verschwinden, ohne Zeugnis abzulegen. Die sichtbare Markierung verhindert, dass derjenige, der die Begegnung überlebt, die Geschichte, die er später erzählt, vollständig kontrollieren kann. Der Körper wird zum Träger einer Botschaft, die nicht allein von den Worten des Soldaten abhängt. Damit etabliert das Kapitel ein Motiv, das im Finale wiederkehren wird.
Die Struktur der Kapitel und Prologe bei Tarantino ermöglicht es, diese Logik zu zeigen, ohne den Spielfilm zu einer fortlaufenden Chronik militärischer Feldzüge zu machen. Der zweite Abschnitt zeichnet eine Einheit und das Bild, das sie erzeugt. Das Publikum erfährt ihre Doktrin, einige Beispiele und die Wirkung, die sie entfaltet – keine lückenlose Rekonstruktion jeder einzelnen Operation.
Der Unterschied zum ersten Kapitel ist bewusst deutlich. Dort unterwirft das Gespräch eines Offiziers den häuslichen Raum der NS-Herrschaft und führt zum Massaker an versteckten Menschen. Hier zwingt die Gewalt einer jüdischen und alliierten Gruppe die Nazis, ihre eigene Verwundbarkeit zu spüren. Diese Umkehrung verwischt weder die unterschiedlichen Kontexte noch setzt sie jede Form von Gewalt gleich; sie entwirft eine Rachefantasie, deren Form offen maßlos ist.
Am Ende des Kapitels haben die Basterds sowohl für das Publikum als auch für ihre Gegner eine klar erkennbare Identität. Diese Einführung sorgt dafür, dass ihre Namen, Verkleidungen und Drohungen in späteren Szenen Gewicht haben. Der Film hat ihren Ruf bereits aufgebaut, bevor er die Gruppe in eine Operation schickt, bei der Unauffälligkeit ebenso wichtig sein wird wie Stärke.
Mehr Hintergrund in unserem Inglourious-Basterds-Guide.
