Bevor die Vorstellung beginnt, macht sich Shosanna vor dem Spiegel bereit. Die Stimme von David Bowie verwandelt diese Wartezeit in eine Szene mit einer eigenen musikalischen Identität.
Die Aufnahme von Cat People und ihr filmischer Ursprung
Cat People (Putting Out Fire) wurde von David Bowie und Giorgio Moroder für Paul Schraders Film Cat People geschaffen, der 1982 in die Kinos kam. Bowie steuerte Text und Gesang bei, Moroder die Komposition und die Produktion der Aufnahme. Die von Tarantino in Inglourious Basterds verwendete Version ist die mit Schraders Film verbundene Aufnahme und nicht die Neuaufnahme, die Bowie 1983 auf Let’s Dance veröffentlichte.
Der Unterschied zwischen den Versionen verändert das Hörerlebnis. Derselbe Titel und derselbe Sänger bedeuten nicht, dass Arrangement, Entwicklung oder Atmosphäre genau gleich bleiben. Die Originalaufnahme beginnt mit gedämpfter Dunkelheit und gewinnt zunehmend an Kraft. Diese Steigerung gibt Tarantino Raum, Shosannas Vorbereitungen zu inszenieren, bevor die Handlung in ihre unumkehrbare Phase eintritt.
Das Lied wurde weder für den Zweiten Weltkrieg noch für die Figur Mélanie Laurents geschrieben. Es stammt aus einem anderen Genre und einem anderen Jahrzehnt. Die Verwendung versucht nicht, diesen Abstand zu verbergen, sondern macht ihn produktiv. Eine unverkennbare Stimme des Pop der Achtziger tritt in eine frühere historische Welt und verändert, wie das Geschehen erlebt wird.
Die Verbindung zum Feuer wirkt in der neuen Erzählung besonders stark, doch das Lied muss deshalb nicht auf eine wörtliche Erklärung des Plans reduziert werden. Titel und Intensität des Gesangs wecken Assoziationen; die Bilder liefern einen anderen Kontext. Die Bedeutung entsteht aus dem Zusammenspiel beider Elemente – nicht daraus, dass der Text einen Film vorweggenommen hätte, der erst Jahrzehnte später gedreht wurde.
Sich ankleiden, schminken und eine Entscheidung treffen
Die Sequenz zeigt, wie sich Shosanna Dreyfus auf den Abend in ihrem Kino vorbereitet. Spiegel, Kleid und Make-up bilden ein Ritual öffentlicher Selbstdarstellung, doch die Musik verhindert, dass es wie eine neutrale gesellschaftliche Routine wirkt. Jede Geste scheint Teil einer inneren Entscheidung zu sein. Die Figur gestaltet das Bild, mit dem sie in eine Nacht gehen wird, von der sie weiß, dass sie entscheidend ist.
Das Lied lässt der Vorbereitung Zeit, ohne dass dafür ein erklärendes Gespräch nötig ist. Shosanna muss nicht laut aussprechen, was sie denkt. Bowies Gesang bringt eine emotionale Spannung ein, die neben ihrer Konzentration bestehen bleibt. Die Szene kann gleichzeitig äußere Kontrolle und latente Gewalt zeigen.
Das Make-up ist zudem ein bewusster Eingriff in das eigene Gesicht. Shosanna entscheidet, wie sie anderen Menschen gegenübertreten wird, und der Schnitt gibt dieser Gestaltung Gewicht. Der Gesang begleitet eine sichtbare Verwandlung, ohne dass die Schauspielerin ihren Gesichtsausdruck abrupt ändern muss. Ihre Konzentration kann weiterhin zurückhaltend wirken, während das Lied eine Intensität beisteuert, die die Figur den Menschen um sie herum nicht offen zeigen muss.
Der Schnitt verbindet die Intimität des Schminktischs mit den materiellen Elementen der Operation. Die Musik fügt diese Räume zu einem Zusammenhang, der nicht rein chronologisch ist. Das Publikum erkennt, dass Erscheinungsbild, Erinnerung und Plan Teil derselben Entschlossenheit sind. Die Vorbereitung ist nicht länger eine Pause vor der Handlung, sondern wird selbst zu einem eigenständigen dramatischen Geschehen.
Die musikalischen Akzente dienen nicht als bloße Begleitung jeder einzelnen Bewegung. Das Lied behält seine eigene Entwicklung bei und zwingt die Bilder, mit ihr zusammenzuwirken. Diese Eigenständigkeit trägt zur Kraft der Szene bei: Wir hören ein Stück, das auch außerhalb des Films existieren könnte, dessen Platzierung es jedoch so wirken lässt, als drücke es in diesem Moment etwas ganz Bestimmtes über Shosanna aus.
Ein Anachronismus, der den Blickwinkel verändert
Der musikalische Anachronismus ist offensichtlich und bewusst gesetzt. Damit die Sequenz funktioniert, muss keine Figur im Kino Bowie hören. Das Lied gehört zur Beziehung zwischen dem Film und seinem Publikum. Sein späteres Erscheinungsdatum ist daher kein Fehler in der Ausstattung, vergleichbar mit einem versehentlich platzierten modernen Gegenstand.
Der Effekt löst Shosanna aus einer Darstellung, die sie ausschließlich als Leidende zeigt. Die Musik verleiht ihr eine Präsenz und Entschlossenheit, die das Publikum mit späteren Formen der Popkultur verbinden kann. Sie löscht ihre Geschichte nicht aus und verharmlost auch nicht die Gewalt, die sie vorbereitet; vielmehr lässt sie Shosanna das Bild mit einer Autorität füllen, die nicht vom Blick ihrer Verfolger abhängt.
Innerhalb des Soundtracks von Inglourious Basterds fällt Cat People auch durch seine unverwechselbare Stimme auf. Viele andere Stücke stammen aus Instrumentalpartituren. Hier schafft eine markante Stimme eine andere Beziehung zur Emotion, ohne zum wörtlichen Erzähler zu werden. Das Lied kann Begehren, Bedrohung und Befreiung andeuten, während die Figur schweigt.
Die Szene zeigt, dass eine Musikauswahl mehr leisten kann, als eine Epoche zu kolorieren. Tarantino nimmt eine Aufnahme aus einem anderen Film und macht sie zum zeitlichen Mittelpunkt einer Vorbereitung. Bowies und Moroders Vergangenheit bleibt hörbar, doch die Bilder verleihen ihr neue Dringlichkeit. Wenn der Ausschnitt endet, weiß das Publikum nicht nur, dass Shosanna bereit ist: Es hat die Intensität erlebt, mit der sie sich dafür entschieden hat.
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