Le Gamaar gehört zur fiktiven Welt von Inglourious Basterds. Sein Design verbindet einen gewöhnlichen Arbeitsplatz mit einem Saal, in dem eine Premiere stattfinden kann, und macht für die Zuschauer verständlich, wie beide Welten zusammenhängen.
Ein fiktives Kino mit realen architektonischen Vorbildern
Le Gamaar sollte nicht als historisches Pariser Kino dargestellt werden, dessen Adresse man aufsuchen könnte, um das Gebäude so vorzufinden, wie es im Film erscheint. Es ist Shosannas Kino innerhalb der Handlung. Die Produktion gestaltet seine Identität durch Fassade, Beschriftungen, Innenräume und Ausstellungsobjekte. Die Kontinuität zwischen diesen Elementen lässt das Kino als zusammenhängenden Betrieb erscheinen, auch wenn beim Dreh seine einzelnen Bereiche je nach filmischen Erfordernissen eingerichtet werden.
David Wasco war der Szenenbildner und Sandy Reynolds-Wasco die Dekorateurin. Den Produktionsnotizen zufolge orientierte sich das Kinodesign an kalifornischen Lichtspielhäusern, darunter das Vista in Silver Lake. Das bedeutet weder, dass Le Gamaar eine genaue Kopie des Vista ist, noch dass die Handlung nach Kalifornien verlegt wird. Eine visuelle Referenz kann in ein fiktives Gebäude einfließen, das in einem anderen Kontext angesiedelt ist.
Die Fassade muss vermitteln, dass hier Betrieb herrscht. Das Vordach und die Plakate zeigen, was gespielt wird, und machen den Arbeitsvorgang des Programmwechsels sichtbar. Shosanna ist mit der Pflege dieser öffentlich sichtbaren Fläche verbunden. Das Kino hat also schon vor der entscheidenden Premiere ein eigenes Leben: Es ist ein Geschäft, das Filme ankündigt, die Blicke der Passanten auf sich zieht und konkrete Arbeiten erfordert, um weiterzubestehen.
Die Beschilderung verbindet das Gebäude außerdem mit einer Kinokultur. Die Namen und Bilder an der Außenfassade verorten die Besitzerin in einem Beruf und in einem Kinoprogramm. Man muss nicht jedem Plakat eine geheime Botschaft zuschreiben, um diese Funktion zu erkennen. Es sind Objekte, die ein berufliches Umfeld schaffen und deutlich machen, dass die große Premiere etwas verändert, das bereits bestand.
Der Kinosaal, die Logen und der Umbau für die Gala
Der Innenraum lenkt den Blick auf die Leinwand, bewahrt aber Unterschiede zwischen den Plätzen, von denen aus man sie betrachtet. Die Logen ermöglichen es, bestimmte Gäste vom übrigen Publikum abzugrenzen. Diese Anordnung macht das Protokoll der Premiere verständlich und bietet klar erkennbare Positionen für die spätere Handlung. Die Architektur des Kulissenbaus trägt zur Erzählung bei, denn sie bestimmt, wer wen sehen kann und auf welchen Wegen sich die Figuren bewegen können.
Die Dekoration für die Premiere verändert den Charakter des Kinos. Abzeichen und Propagandamaterial nehmen einen Raum ein, der bis dahin als Arbeitsplatz von Shosanna und Marcel gezeigt wurde. Der Wandel macht sichtbar, wie das Regime das Kino vorübergehend für sich beansprucht. Der Saal bleibt derselbe, doch sein öffentlicher Auftritt wird der Zeremonie und ihren Gästen untergeordnet.
Die Objekte rund um Stolz der Nationmachen Zoller auch über seine körperliche Anwesenheit hinaus zu einer wiederkehrenden Figur. Das Gesicht des Protagonisten kann auf Werbebildern verbreitet werden und auf der Leinwand erneut erscheinen. Diese Wiederholung verleiht dem Ereignis Einheit und lässt das Kino während der Gala als Ort der Feier eines Militärhelden erscheinen, der zum Star geworden ist.
Das Design muss diese Fülle übersichtlich halten, ohne die Wege der Figuren zu verdecken. Eingänge, Treppen und Zugänge zu privaten Bereichen ermöglichen den Wechsel vom öffentlichen in den technischen Bereich. Die Zuschauer können erkennen, wer eine Vorstellung besucht, wer daran arbeitet und wer aus einem anderen Grund unterwegs ist. Diese räumliche Klarheit ist nötig, damit die Gleichzeitigkeit im letzten Abschnitt nicht fortlaufend durch verbale Erklärungen verständlich gemacht werden muss.
Der Vorführraum macht die Arbeit hinter der Filmprojektion sichtbar
Der Vorführraum zeigt das Kino als materielle Tätigkeit. Projektoren, Filmspulen und Arbeitsflächen verdeutlichen, dass ein Film nicht durch einen abstrakten Mechanismus auf die Leinwand gelangt. Menschen bereiten die Vorführung vor, bedienen die Geräte und überwachen den Ablauf. In den Produktionsnotizen wird erwähnt, dass zwei funktionstüchtige historische Kohlebogenprojektoren gefunden wurden – ein Detail, das die Gestaltung des Raums mit realer Technik verbindet.
Diese Ausstattung erfüllt neben ihrer dekorativen auch eine dramatische Funktion. Shosanna und Marcel kennen Abläufe, die die Gäste nicht verstehen müssen, um die Vorführung genießen zu können. Die Trennung zwischen Saal und Vorführraum schafft ein Informationsgefälle: Die einen sehen das Ergebnis, die anderen können beeinflussen, was gezeigt wird. Ihr Beruf verschafft ihnen Zugang zu einem Teil des Gebäudes und des Ereignisses, der dem Publikum verborgen bleibt.
Robert Richardsons Kameraarbeit nutzt das Zusammenspiel von Licht, Körpern und Projektion. Der Lichtstrahl und die beleuchteten Bereiche erinnern daran, dass das Schauspiel von einer Quelle abhängt, die sich außerhalb des gewohnten Blickfelds der Zuschauer befindet. Der Kulissenbau bietet Flächen und Abstände, mit denen das Licht die Szene gestalten kann; seine Wirkung allein der Architektur zuzuschreiben, würde die Zusammenarbeit mit der Kameraarbeit außer Acht lassen.
Die von Shosanna manipulierte Projektiongreift auf diese bereits etablierte räumliche Ordnung zurück. Um sie zu verstehen, muss man das Gebäude weder zum alleinigen Symbol erklären noch hier alle Folgen der alternativen Geschichtsschreibung ausführen. Es genügt, zu beachten, dass Fassade, Saal, Logen und Vorführraum ein System aus Zugängen und Blickachsen bilden. Le Gamaar wirkt überzeugend, weil es zugleich Arbeitsplatz, sozialer Ort und Vorführmaschine sein kann.
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