An Elle Drivers Augenklappe lässt sich die von Daryl Hannah gespielte Figur auch dann erkennen, wenn sie ihr Kostüm wechselt. Im Krankenhaus fügt sie sich in einen weißen Look ein und erhält sogar ein rotes Kreuz; im zweiten Teil begleitet die schwarze Variante einen anderen Auftritt. Das Accessoire behält seine Position im Gesicht und passt seine Farbe der Kleidung an. Diese Verbindung aus Kontinuität und Veränderung erklärt einen großen Teil seiner visuellen Wirkung.
Das Accessoire wirft auch eine erzählerische Frage auf. Das Publikum sieht eine verdeckte Verletzung, bevor es erfährt, was geschehen ist. Der Film kann die Augenklappe lange zur Identifizierung Elles einsetzen, ohne ihre Vorgeschichte zu erklären. Die Antwort folgt, wenn die Verletzung im Konflikt zwischen den Figuren Folgen hat.
In ihrem Design kommen Entscheidungen unterschiedlicher Herkunft zusammen: ein von Tarantino bestätigter Bezug zum Kino von Christina Lindberg, die Abstimmung der Farben und ein grafischer Beitrag von Katsuhito Ishii. An der fertigen Form lässt sich untersuchen, wie ein kleines Kostümstück eine filmische Erinnerung aufgreifen und zugleich innerhalb der Szene funktionieren kann.
Die Augenklappe bedeckt einen Bereich, auf den die Kamera immer wieder zurückkommt: das Gesicht. Ihre gleichmäßige Oberfläche unterbricht den Blick und schafft eine einprägsame Asymmetrie. Ihre Präsenz ist weder von einer Ganzkörperaufnahme noch davon abhängig, dass Elle eine Waffe schwingt. Das Accessoire macht sie auch dann erkennbar, wenn sich die Aufmerksamkeit darauf richtet, wie sie zuhört oder antwortet.
Weiß und rotes Kreuz im Krankenhaus
Elles Erscheinungsbild verändert sich während ihres Besuchs im Krankenhaus. Die weiße Kleidung fügt die Augenklappe in eine Kombination ein, die rund um das Gesicht eine helle Fläche bewahrt. Später setzt das rote Kreuz, das zu ihrem Schwesternkostüm gehört, ein gut lesbares Zeichen auf dasselbe Stück. Farbe und Motiv tragen zu der Identität bei, die die Figur annimmt, um sich der Patientin zu nähern.
Die Wirkung beruht auf einer konkreten Ironie. Das Erscheinungsbild steht für Fürsorge, während Elle gekommen ist, um zu töten. Das Accessoire lässt die Eindringling optisch mit dem Krankenhausumfeld verschmelzen, ohne die Gefahr ihres Besuchs zu verwischen. Das Publikum weiß genug über ihre Absicht, um diese Abstimmung als Teil ihrer Verkleidung zu verstehen.
Das Kreuz nimmt nur wenig Platz ein, hebt sich aber durch den Kontrast vom weißen Hintergrund ab. Eine erklärende Beschriftung ist nicht nötig: Es genügt, dass die Einstellung die Form erkennen lässt. Weil das Zeichen auf der Augenklappe sitzt, folgt es jeder Kopfbewegung. So erhält ein ohnehin auffälliges Stück zusätzlich ein Motiv, das mit der Rolle verbunden ist, die Elle spielt.
Diese Verwendung von Kostüm als Figurenidentität zeigt sich im Zusammenspiel von Kleidung, Ort und Handlung. Besonders beunruhigend wirkt das Kostüm, weil es dem Krankenhaus angemessen erscheint und zugleich einer Absicht dient, die dem widerspricht, was dieses Erscheinungsbild verspricht.
Die schwarze Augenklappe und die Kontinuität des Gesichts
In seinem Interview mit Tomohiro Machiyama für JAPATTACK im August 2003 kündigte Tarantino an, dass Elle im zweiten Teil hauptsächlich Schwarz tragen und dazu passende Augenklappen haben würde. Die Bemerkung zeigt, dass der Farbwechsel Teil eines Gesamtkonzepts war und nicht bloß ein isoliert ausgewähltes Accessoire betraf.
Das Schwarz erzeugt einen anderen Kontrast zu Hannahs Haut und hellem Haar. Die Form tritt stärker hervor und fügt sich weniger in eine große weiße Fläche ein. Das Verhältnis zwischen Gesicht und Kleidung verändert sich, obwohl das Publikum weiterhin dieselbe Anordnung der Gesichtszüge erkennt. Die Kontinuität entsteht dadurch, wo das Stück sitzt und wie viel Raum es einnimmt.
Die Wirkung dieser Lösung setzt keine festgelegte moralische Bedeutung der Augenklappe voraus. Eine Farbe kann eine Situation begleiten und den Eindruck des Gesichts verändern, ohne einer Diagnose der Figur gleichzukommen. Elles Feindseligkeit zeigt sich auch in ihren Entscheidungen und in ihrem Umgang mit anderen. Das Kostüm trägt zu diesem Eindruck bei, ersetzt aber nicht ihre Handlungen.
Die Geschichte der Verletzung wird erst später Teil des Konflikts um Elle Driver in Kill Bill. Für die Analyse des Accessoires ist diese Reihenfolge entscheidend: Zuerst erkennt man ein gleichbleibendes Erscheinungsbild, danach erfährt man den Grund dafür. Die neue Information verändert die Erinnerung an ein Bild, das bereits vertraut war.
Christina Lindberg und ein Beitrag von Katsuhito Ishii
Tarantino bestätigte Machiyama den Bezug zu Christina Lindberg in They Call Her One Eye, auch bekannt als Thriller: A Cruel Picture. Das Schwedische Filminstitut führt den Film als eine 1973 von Bo Arne Vibenius inszenierte Produktion. Im Mittelpunkt steht eine Frau mit Augenklappe, die Rache nimmt.
Die visuelle Ähnlichkeit macht Elle nicht zu einer vollständigen Wiederholung jener Protagonistin. In Kill Bill ist sie Beatrix’ Gegnerin. Ein Merkmal, das im früheren Film eine Rächerin kennzeichnet, kann nun zu einer Figur gehören, die sich an der Rache einer anderen Frau zu hindern versucht. Mit dem Wechsel in eine andere Geschichte verändert sich auch die Funktion des Zitats.
Im selben Gespräch mit Machiyama wird ein weiterer Beitrag genannt: Katsuhito Ishii zeichnete Elle als Krankenschwester mit einem roten Kreuz auf der Augenklappe, und Tarantino griff die Idee auf. Diese Zuschreibung hilft, den allgemeinen Bezug von einer konkreten grafischen Entscheidung zu unterscheiden.
Diese Unterscheidung macht die Anpassungsarbeit sichtbar. Der filmische Bezug liefert eine wiedererkennbare Figur; die Zeichnung ergänzt eine Lösung für eine bestimmte Szene; die Abstimmung mit der Kleidung fügt beides in die Darstellung ein. Keiner dieser Beiträge muss die anderen verdrängen, damit das Ergebnis eine eigene Identität erhält.
Auch die geringe Größe des Stücks schränkt seine Rolle in der Erzählung nicht ein. Die Augenklappe kann zugleich als Erkennungszeichen, als Teil einer Verkleidung und als Spur eines noch unbekannten Ereignisses dienen. Der Film entfaltet diese Funktionen zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Deshalb wird sie interessanter, wenn man neben der Form des Gegenstands auch betrachtet, wann die einzelnen Informationen hinzukommen.
Die Aufteilung von Kill Bill auf zwei Kinostarts hatte während der Promotion konkrete Folgen für Daryl Hannah. Im US-amerikanischen Interview von Buena Vista International, das Phase9 im April 2004 veröffentlichte, erinnerte sich die Schauspielerin daran, dass man sie gefragt habe, was mit Elle geschehen würde und warum sie ein Auge verloren hatte. Eine vorzeitige Erklärung hätte wichtige Informationen aus dem zweiten Teil verraten. Das Kostümdetail hatte also auch außerhalb der Leinwand Neugier geweckt.
An diesem Erlebnis lässt sich das Verhältnis zwischen Erscheinungsbild und Rezeption beobachten. Ein sichtbares Stück kann eine Frage aufwerfen, die der Dialog noch nicht beantwortet hat. Während der Wartezeit zwischen den Filmen behält das Publikum das Bild im Gedächtnis und versucht, seine Geschichte zu ergänzen. In diesem Fall musste Hannah eine ausstehende Erklärung schützen und zugleich weiter über ihre Figur sprechen. Die Augenklappe war so auch an der öffentlichen Präsentation Elles beteiligt: Sie reichte aus, um die Figur wiederzuerkennen, und ließ zugleich einen Teil ihrer Vergangenheit unentdeckt.
