Bills Wahrheitsserum, genannt The Undisputed Truth, kommt in Kill Bill: Vol. 2 zum Einsatz, als die Konfrontation mit Beatrix zu einem Verhör wird. Bill will Antworten über eine Beziehung, von der er glaubt, dass sie verraten wurde, und verwendet eine Substanz, die er als unfehlbar darstellt, um sie zu bekommen. Die Erklärung stammt von der Figur selbst: Das Publikum hört seine Beteuerungen ebenso wie die Frau, der er die Substanz gerade verabreicht hat.
Der Gegenstand wirft im Gespräch eine ganz konkrete Frage auf. Bill verlangt Aufrichtigkeit, entscheidet aber auch, wie er seine Fragen formuliert und mit welchen Vorstellungen er das Gehörte deutet. Das Versprechen, Lügen auszuschließen, beseitigt diese anderen Entscheidungen nicht. Der Reiz des Serums liegt daher in der Kluft zwischen einer Antwort und der Bereitschaft, ihre Bedeutung anzunehmen.
Die Szene macht aus einer fantastischen Erfindung eine leicht verständliche dramatische Voraussetzung. Beatrix muss sich in einer Begegnung äußern, deren Regeln ihr Gegner festzulegen versucht, während das Publikum darauf hört, ob ihre Gründe in die Erklärung passen, die er bereits vorbereitet hat.
The Undisputed Truth wird mit einem Pfeil eingeführt. Bill beschreibt es als seine eigene Erfindung und schreibt seinem Inhalt eine außergewöhnliche Fähigkeit zu, Aufrichtigkeit zu erzwingen. Diese Art der Vorstellung verortet das Serum unter den fantastischen Mitteln der Figur. Der Film stellt keine Nachforschungen zu seiner Zusammensetzung an, sondern legt eine Regel für das folgende Gespräch fest.
Die Garantie kommt von demjenigen, der die Antworten verlangt
Bills Wortwahl verleiht der Substanz den Anschein von Präzision. Er spricht, als kenne er ihre Eigenschaften und könne vorhersehen, was geschehen wird. Seine Selbstsicherheit hilft ihm, die Situation zu bestimmen, noch bevor Beatrix auf die entscheidenden Fragen antwortet. Seine Autorität beruht sowohl darauf, sie mit dem Pfeil getroffen zu haben, als auch darauf, die Erklärung für diese Handlung zu kontrollieren.
Diese Darstellung gehört zu den fiktiven Substanzen in Tarantinos Filmen, deren erzählerischer Reiz von den Fähigkeiten abhängt, die ihnen die Handlung zuschreibt. In diesem Fall zielt das Versprechen darauf ab, Worte hervorzubringen: Die Substanz eröffnet einen Konflikt um Information und Vertrauen, zusätzlich zu der körperlichen Gefahr, die bereits zwischen den Figuren besteht.
Bei Aussagen über die Wirksamkeit sollte man die Zuschreibung im Blick behalten. Bill behauptet, das Serum versage nie; diese Behauptung charakterisiert sein Vertrauen in das Mittel und in sich selbst. Sie ist kein unabhängiger Beweis dafür, dass jede seiner Deutungen zutrifft. Selbst in einer Fiktion, in der aufrichtige Antworten möglich sind, muss weiterhin genau geprüft werden, welche Schlüsse ein Gesprächspartner daraus zieht.
Dieses Detail macht zwei Probleme sichtbar, die Bill gemeinsam lösen möchte. Zum einen könnte Beatrix Informationen vor ihm verbergen. Zum anderen muss er ihr glauben können. Sie zum Reden zu zwingen, geht nur das erste Problem an. Das Misstrauen kann auch nach einer Antwort fortbestehen, besonders wenn der Fragende bereits glaubt, die wahre Identität des Gegenübers zu kennen.
Das Warten leitet die Rede über Superman ein
Während Bill darauf wartet, dass die Substanz wirkt, entwickelt er seinen Vergleich mit Superman. Die Wartezeit wird in die Szene eingebunden: Sie gibt ihm einen Grund, weiterzureden, bevor er mit den Fragen beginnt. Das Mittel verbindet eine fantastische Erklärung mit einem Exkurs, dessen Adressatin nach und nach deutlich wird.
Die Verbindung zwischen diesen beiden Momenten ist mehr als eine einfache Pause vor dem Verhör. Zunächst entwickelt Bill eine Theorie über Identität und Verkleidung, dann wendet er sie auf Beatrix an. Seine Rede bereitet den Rahmen vor, in den er die Antworten einordnen möchte. Als sie zu Wort kommt, enthält das Gespräch bereits eine Definition davon, wer sie ist und welche Art von Leben ihr zustehen würde.
Zack Zagranis schlägt in seiner Analyse für ComicBook.com vor, diese Deutung Supermans aus Bills eigener Perspektive zu lesen. Die Unterscheidung ist hilfreich: Ein Argument, das ein Antagonist vorträgt, sollte nicht automatisch als Meinung des Filmemachers verstanden werden. Hier kommt es darauf an, wie Bill es einer bestimmten Person gegenüber einsetzt.
Die Kombination aus Serum und Vergleich lässt sich als Verhör lesen, dessen Bedingungen ungleich verteilt sind. Beatrix kann antworten, doch Bill hat versucht, die Bedeutung ihrer Entscheidungen vorab festzulegen. Es macht einen Unterschied, ob man jemanden bittet, zu schildern, was geschehen ist, oder ihm einen Deutungsrahmen anbietet, in dem jede Veränderung im Leben als Verfälschung erscheint.
Eine aufrichtige Antwort verpflichtet nicht dazu, ihre Bedeutung zu teilen
Bills Sorge gilt der Trennung und ihrer gemeinsamen Tochter. Beatrix antwortet ausgehend von ihren Erfahrungen mit der Schwangerschaft und der Möglichkeit, das Kind großzuziehen. Ihre Erklärung bringt eine Priorität ins Spiel, die sich nicht auf die Frage reduzieren lässt, ob sie weiterhin eine gute Auftragsmörderin war. Um ihre Aussage zu beurteilen, muss man berücksichtigen, was sich für sie verändert hat.
Die Figur Beatrix Kiddo kann sich ihre erworbenen Fähigkeiten bewahren und sich gleichzeitig ein anderes Leben wünschen. Dieses Nebeneinander erschwert Bills starre Einordnung: Etwas zu können bedeutet nicht, das ganze Leben nach dieser Fähigkeit ausrichten zu müssen. Das Gespräch stellt seine Argumentation auf die Probe, obwohl er das Mittel kontrolliert, mit dem er Aufrichtigkeit erzwingt.
Das Serum führt auch nicht automatisch zur Versöhnung. Man kann verstehen, warum jemand gehandelt hat, und seine Entscheidung trotzdem ablehnen. Diese Kluft hält den Konflikt auch nach den Erklärungen aufrecht. Die erhaltenen Informationen sind weder ein Mechanismus, der das Geschehene ungeschehen macht, noch ein Befehl, der zum Verzeihen zwingt.
Außerdem ist es etwas anderes, ein Gefühl einzugestehen, als einen Anspruch auf einen anderen Menschen anzuerkennen. Bill kann seinen Schmerz beschreiben; Beatrix kann die Verbindung anerkennen, die zwischen ihnen bestand. Keine dieser Aussagen entscheidet für sich genommen, was als Nächstes geschehen sollte. Der vermeintliche Ausschluss von Lügen lässt Fragen offen, die sich nicht durch die Überprüfung von Fakten beantworten lassen.
Im Ende von Kill Bill: Vol. 2 hat das Serum somit eine klar begrenzte Funktion: Es macht ein Gespräch unausweichlich, dem sich beide aus unterschiedlichen Gründen stellen müssen. Seine Anwesenheit lenkt die Aufmerksamkeit auf die Antworten, ohne die geforderte Aufrichtigkeit mit der Zustimmung zu den Bedingungen zu verwechseln, die Bill durchzusetzen versucht.
Eine von Centre for Excellence in Media Practice aufbewahrte Drehbuchfassung von Kill Bill enthält eine weitere Verwendung von The Undisputed Truth. In diesem Text verabreicht die Braut Sofie Fatale die Substanz, um Informationen zu erhalten, und bezeichnet sie als Bills Rezeptur. Die Passage dokumentiert eine schriftlich festgehaltene Möglichkeit; sie beschreibt keine Szene, die in dieser Form im veröffentlichten ersten Teil zu sehen ist.
Der Vergleich eröffnet eine weitere Perspektive auf die Entstehung des Drehbuchs. In jener Situation hilft das Mittel der Protagonistin, etwas über ihre Gegner herauszufinden. Im zweiten Teil wird es von demjenigen eingesetzt, der von ihr Erklärungen verlangt. Beatrix' Verhältnis zu dem Mittel ändert sich – und damit auch die Art der Antwort, die man erhalten möchte. Wer diese Fassungen auseinanderhält, kann untersuchen, wie dasselbe Element in unterschiedlichen Gesprächen eingesetzt wird, ohne alles im Drehbuch Vorgesehene zu einem Ereignis im Film zu erklären. Der vorbereitende Text bewahrt Alternativen, die der veröffentlichte Film nicht übernehmen muss.
