The Lonely Shepherd ist das Panflötenstück, das die Übergabe des Katana in Kill Bill Vol. 1 begleitet und im letzten Teil des Films erneut zu hören ist. James Last ist der Komponist, Gheorghe Zamfir der Interpret. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1977: Tarantino verwendet Musik, die bereits vor dem Film eine eigene Veröffentlichungsgeschichte hatte.
Ihr Einsatz verändert den Ton einer Geschichte voller Auseinandersetzungen. Die Melodie lässt Zeit, die Waffe anzunehmen, und wenn sie zurückkehrt, erinnert sie an diesen Moment, nachdem Beatrix das Schwert eingesetzt hat. Dasselbe Thema begleitet zunächst eine Vorbereitung und schließt später einen Abschnitt der Reise ab. Die Flöte bildet eine ausdrucksstarke Melodielinie, der man folgen kann, während die Figuren sprechen oder sich das Bild auf ihre Gesten konzentriert. Das erklärt Zamfirs Bedeutung in Vol. 1 und macht drei Beiträge unterscheidbar: Lasts Komposition, Zamfirs auf der Platte festgehaltene Interpretation und den neuen Kontext, den der Film beiden gibt.
Komponist James Last, Interpret Gheorghe Zamfir
Die offizielle Biografie von James Last, veröffentlicht von Universal Music, datiert seine Zusammenarbeit mit Zamfir für The Lonely Shepherd auf das Jahr 1977. Sie nennt auch die spätere Verwendung des Stücks in Kill Bill Vol. 1. Das sind zwei unterschiedliche Stationen im Leben der Aufnahme: ihre Verbreitung als Instrumentalstück und ihr Einsatz in einer filmischen Erzählung.
Zamfirs Name ist wegen der prägenden Rolle seiner Panflöte mit dem Stück verbunden. Last zeichnet für die Komposition verantwortlich; der Solist prägt die Phrasierung und den melodischen Fluss. Wenn man beide Beiträge kennt, lässt sich die im Film verwendete Version identifizieren. Die Beziehung zwischen einem Werk und seinem Interpreten wird hier besonders deutlich, denn der Klang, an den man sich erinnert, stammt von einem bestimmten Instrument, das im Vordergrund der Begleitung steht.
In einem E-Mail-Interview, das The Reveal 2025 veröffentlichte, beschrieb Zamfir das Stück als melancholisch und nachdenklich. Diese Einschätzung stammt vom Musiker. Im Film können diese Eigenschaften mit einer auf Gewalt ausgerichteten Handlung einhergehen: Die Ruhe einer Melodie bestimmt nicht von sich aus, was die Figuren darunter tun werden.
Der Soundtrack kombiniert ältere Aufnahmen mit Originalbeiträgen, darunter die Arbeit von RZA an Kill Bill. The Lonely Shepherd gehört zu den älteren Aufnahmen. Bei diesem Stück unterscheiden die Credits klar zwischen Komposition und Interpretation. Die Einbindung in einen Soundtrack erweitert den Hörkontext, lässt aber Last und Zamfir als Bezugspunkte des Stücks bestehen.
Die Panflöte bei der Übergabe des Katana
Zamfir spielt die Nai, die rumänische Variante der Panflöte. Der Bericht von The Reveal beschreibt diese Instrumentenfamilie als eine Reihe von Röhren, von denen jede einen Ton erzeugt. Dadurch unterscheidet sie sich von einer Flöte, deren Löcher mit den Fingern abgedeckt werden. Der Film verbindet eine europäische Spieltradition mit einer Szene, die in Japan spielt. Die Begleitung tritt in eine ausdrucksstarke Beziehung zu den Bildern, ohne den Ort geografisch zu kennzeichnen.
Ken Garner bringt die Melodie mit dem Erhalt der Waffe, der Liste der Ziele und dem Abspann in Verbindung. Der erste Einsatz verleiht einem Vorgang Bedeutung, der auch mit einer raschen Übergabe erledigt sein könnte: Das fertige Objekt geht in die Hände der Person über, die es bestellt hat.
In der Szene stehen zwei Personen im Mittelpunkt. Hattori Hanzo hat trotz seines früheren Verzichts wieder ein Schwert geschmiedet; Beatrix erhält das, wofür sie nach Okinawa gereist ist. Die Musik begleitet die Anerkennung der Arbeit und ihrer Empfängerin. Ihre Weite lässt den Gesten Gewicht zukommen, ohne dass die Sequenz einen Kampf zeigen muss, um die Bedeutung des Katana zu verdeutlichen.
Die Flöte wirkt wie eine instrumentale Stimme. Der durchgehende Melodieverlauf hält den Moment zusammen, während sich die Aufmerksamkeit vom Schmied auf die Waffe und dann auf Beatrix richtet. Die Wirkung lässt sich als Einladung verstehen, innezuhalten und genau hinzusehen, was gerade geschieht – nach dem lockeren Wortwechsel, mit dem der Besuch im Restaurant begonnen hatte. Der Tonwechsel gibt der Entgegennahme des Schwertes einen eigenen Platz auf der Reise.
Diese Begleitung lässt mehrere Gefühle zugleich zu. Hanzo kann die Qualität seiner Arbeit würdigen und sich zugleich seines Schicksals bewusst sein. Beatrix erhält ein Hilfsmittel, das sie braucht, doch die Szene spielt sich ab, bevor sie es gegen O-Ren einsetzt. Die Musik unterstreicht die Bedeutung der Begegnung, ohne jede künftige Verletzung musikalisch vorwegzunehmen. Zunächst erscheint das Objekt als Ergebnis von Arbeit und einer Entscheidung.
Die Melodie kehrt am Ende von Vol. 1 zurück
Bei ihrem erneuten Erklingen weiß das Publikum bereits, welche zerstörerische Kraft das Schwert besitzt. Die Rückkehr der Musik, die mit seiner Übergabe verbunden war, ermöglicht einen Vergleich zweier Zustände der Geschichte: der übergebenen Waffe und der Waffe, die in den Auseinandersetzungen zum Einsatz gekommen ist. Die Melodie bleibt dieselbe, während sich das Hörerlebnis verändert. Ihre Rückkehr erinnert an die Vorbereitung, nachdem ihre Folgen bereits gezeigt wurden.
Während des Abspanns nimmt diese Kontinuität einen anderen Raum ein. Die Musik lässt sich hören, ohne dass Dialoge und unmittelbare Handlungen so stark mit ihr konkurrieren. Am Ende von Vol. 1 steht die Auseinandersetzung mit Bill noch aus; der musikalische Abschluss begleitet daher eine Pause auf einer längeren Suche. Das Publikum verlässt diese Episode mit einem Stück, das bereits mit Beatrix' Weg verbunden war, statt es erst nach der letzten Szene kennenzulernen.
Der Einsatz eines Instrumentalstücks lässt auch die Beziehung zwischen Ton und Bild offen. Ein Liedtext könnte ein Gefühl benennen oder ein Ereignis beschreiben; hier entsteht die Verbindung durch die Situationen, in denen die Melodie erklingt. Der Titel, übersetzbar mit „Der einsame Hirte“, macht die Figuren nicht zu Entsprechungen einer besungenen Geschichte. Der Film entwickelt seine eigene Beziehung zwischen dieser Musik, einer Frau, die eine Waffe erhält, und dem Weg, der danach weiterführt.
Das Stück ist auch unter dem deutschen Titel Der einsame Hirte bekannt. Der Eintrag von Universal Music zu My Personal Favourites verortet die Aufnahme von Last und Zamfir auf dem 1977 veröffentlichten Album Russland-Erinnerungen. Die Zusammenstellung von 2014 nahm das Stück erneut in eine Auswahl auf, die Last selbst zusammengestellt hatte. Anhand dieser Referenzen lässt sich dasselbe Stück über verschiedene Alben mit unterschiedlichen Titeln und Zielsetzungen hinweg verfolgen.
Auf der von Warner Music España veröffentlichten Ausgabe des Soundtracks zu Kill Bill Vol. 1 ist The Lonely Shepherd als Titel 14 aufgeführt und Zamfir zugeschrieben. Diese Nummerierung gehört zum Album; sie zählt nicht die Einsätze im Film auf. Der Titel einer Zusammenstellung und der Name des Interpreten erleichtern es, die Aufnahme zu finden, während der Komponistenvermerk James Last nennt. Beim Vergleich verschiedener Ausgaben ist es hilfreich, diese drei Angaben gemeinsam zu berücksichtigen, denn ein neues Cover oder ein späteres Veröffentlichungsdatum kann bedeuten, dass eine ältere Aufnahme erneut herausgebracht wurde.
