Luke Cage: Die Adaption, die Tarantino in den Neunzigern im Sinn hatte

Bevor Tarantino seine Filmografie festigte, erwog er, Luke Cage ins Kino zu bringen. In seiner Erinnerung an das Projekt stehen die Figur, die er bewunderte, und eine Besetzungsdiskussion im Mittelpunkt, die ihm schließlich die Begeisterung nahm.

Eine Idee zwischen Reservoir Dogs und Pulp Fiction

Quentin Tarantino verortete sein Interesse an einem Luke-Cage-Film in der Zeit nach Reservoir Dogs und vor den Dreharbeiten zu Pulp Fiction. 2020 erinnerte er sich daran in einem Gespräch im Podcast 3 Girls, 1 Keith von Amy Schumer und ihren Mitwirkenden. Die zeitliche Einordnung hilft, die Idee in einer Karriere zu verstehen, die noch Gestalt annahm – weit entfernt von dem System miteinander verbundener Filme, das Marvel später entwickeln sollte.

Tarantino erklärte, Luke Cage sei als Comicleser eine seiner Lieblingsfiguren gewesen. Er erwähnte seine Begeisterung für Hero for Hire und Power Man sowie für andere beliebte Comicserien seiner Kindheit. Die Möglichkeit, die Figur zu adaptieren, ging auf diese persönliche Begeisterung zurück. Es gibt keinen Grund, das Vorhaben als Auftrag von Marvel Studios oder als Produktion mit den Voraussetzungen heutiger Franchises zu beschreiben.

Der Verweis auf Reservoir Dogs markiert einen Zeitpunkt, an dem der Regisseur bereits Aufmerksamkeit erregt hatte, sich für seine nächste Phase aber noch ganz unterschiedliche Wege vorstellen konnte. Seine spätere Schilderung machte deutlich, dass die Idee Pulp Fiction nicht unbedingt hätte ersetzen müssen. Sie hätte an anderer Stelle in der Abfolge seiner Projekte stehen können. Diese Flexibilität zeigt, dass es sich um eine offene kreative Möglichkeit handelte.

Die öffentlich bekannte Geschichte belegt weder einen gedrehten Film noch eine verpflichtete Besetzung oder einen abgesagten Kinostart. Die Formulierung, er hätte Luke Cage beinahe verfilmt, fasst eine ausgedachte Möglichkeit pointiert zusammen. Dennoch sollte man sich an die Belege halten: Der Regisseur selbst sprach von seinem Interesse, seinem Wunschkandidaten und dem Gespräch, das ihn entmutigte.

Warum er an Laurence Fishburne dachte

Tarantinos Wunschkandidat war Laurence Fishburne – insbesondere wegen der Energie, die er mit dessen Darstellung in King of New York verband. Einige Comicfans unter seinen Freunden hielten Wesley Snipes für die passendere Wahl, unter anderem wegen seines Körperbaus. Nach der Erinnerung des Regisseurs nahm ihm diese Diskussion die Lust, die Idee weiterzuentwickeln.

Die Anekdote verdeutlicht einen Konflikt zwischen verschiedenen Ansätzen für eine Adaption. Eine Besetzungsentscheidung kann sich an der körperlichen Ähnlichkeit mit einer gezeichneten Figur orientieren; eine andere kann eher auf Ausstrahlung, Sprachrhythmus oder den Charakter setzen, den ein Schauspieler vermittelt. Tarantino verteidigte Fishburnes schauspielerische Möglichkeiten. Die Diskussion belegt weder, dass Snipes ein formelles Angebot erhielt, noch, dass Fishburne eine Mitwirkung ablehnte.

Das Beispiel zeigt auch, wie sehr eine erste Idee von der inneren Vorstellung der Hauptfigur abhängen kann. Noch bevor die Dreharbeiten beginnen, kann ein Schauspieler zum gedanklichen Mittelpunkt von Szenen werden, die noch nicht geschrieben oder mit anderen geteilt wurden. Verliert dieses Bild für die Person, die das Projekt entwickelt, an Kraft, kann auch die Motivation nachlassen. So erklärte Tarantino seine eigene nachlassende Begeisterung. Daraus lässt sich jedoch keine vollständige Branchenverhandlung rekonstruieren.

Die Verbindung zwischen dem tatsächlichen Schauspieler und der Figur sollte nicht weiter gezogen werden. Die Eigenschaften, die Tarantino an einer Darstellung bewunderte, sagen nichts über Fishburnes Privatleben aus und lassen auch nicht darauf schließen, wie er Cage gespielt hätte. Der mögliche Film bleibt eine Kombination aus Vorstellungen eines Regisseurs – kein verlorenes Werk, das das Publikum beurteilen könnte.

Ein Stadtheld mit vertrauten Anknüpfungspunkten

Luke Cage trat 1972 erstmals in Hero for Hire auf. Seine Herkunftsgeschichte stellt ihn als Carl Lucas vor, der zu Unrecht inhaftiert und durch ein Experiment verwandelt wird, das ihm übermenschliche Kraft und eine widerstandsfähige Haut verleiht. Seine Entscheidung, als Held gegen Bezahlung zu arbeiten, stellt eine direkte Verbindung zwischen Macht, Überleben und Geld her. Diese urbane Dimension unterscheidet ihn von Figuren, die vor allem durch kosmische Bedrohungen geprägt sind.

Die Parallelen zu bestimmten Interessen Tarantinos sind leicht zu erkennen: Figuren, die ihren Platz aushandeln, berufliche Ehrenkodizes, Gewalt und die Popkultur der Siebzigerjahre. Sie machen verständlich, warum Cage ihn reizen konnte. Sie verraten jedoch nicht, welchen Bösewicht er gewählt, welche Szenen er eingebaut oder wie viel von der Comic-Herkunft er beibehalten hätte.

Die Adaption hätte Fragen danach aufwerfen können, wer dafür bezahlt wird, andere zu beschützen, und welches Verhältnis ein Held zu den Institutionen hat, die ihn einst bestraft haben. Diese Fragen ergeben sich aus der veröffentlichten Figur und bieten einen Kontext für das Interesse des Regisseurs. Sie sollten als mögliche Lesarten verstanden und nicht als Beschreibung eines vollständigen Drehbuchs ausgegeben werden, das uns nicht vorliegt.

Die Wahl eines bekannten Helden hätte zudem eine Verbindung zu Lesern geschaffen, die bereits ein bestimmtes Bild von der Figur hatten. Das unterscheidet sich von der Erwartung an eine Hauptfigur, die eigens für die Leinwand geschaffen wurde und deren Identität sich erst im Film erschließt.

Tarantinos Luke Cage gehört zu den nicht eingeschlagenen Wegen seiner Karriere. Die Erinnerung aus dem Jahr 2020 benennt eine Phase, eine Bewunderung und eine Besetzungspräferenz, lässt aber viele Schritte offen, die für einen Film nötig gewesen wären. Interessant ist daran, dass der Schöpfer von Reservoir Dogs sich eine Fortsetzung seiner Karriere mit Bezug zu Comics vorstellen konnte und sich letztlich dafür entschied, andere eigene Welten zu entwickeln.

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