Casino Royale: Der James Bond, den sich Tarantino vorstellte

Tarantinos Version von Casino Royale schaffte es nie bis zu den Dreharbeiten. Seine Aussagen beschreiben eine zeitgenössische Adaption und den Versuch, die Rechte auszuloten – mit einem geringeren Umfang als bei einer angekündigten Produktion.

Eine unabhängige Adaption der Reihe

In einem im Mai 2023 veröffentlichten Interview mit Deadline erklärte Tarantino, dass er nach Pulp Fiction seine eigene Version von Casino Royale drehen wollte. Er verlegte die Handlung in die 1960er-Jahre und konzipierte den Film als eigenständiges Werk. Diese Unterscheidung ist wichtig: Sein Interesse galt Ian Flemings Roman und einer persönlichen Interpretation von Bond, nicht der Verpflichtung auf eine Reihe von Franchise-Filmen.

Im selben Gespräch stellte er klar, dass er sich nie zu formellen Verhandlungen mit EON über den Film zusammengesetzt hatte. Er hatte eine Möglichkeit im Zusammenhang mit den Rechten ausgelotet, doch der Versuch blieb erfolglos. Den Vorgang als genehmigten Produktionsvorschlag darzustellen, auf den eine vertragliche Absage folgte, geht daher über seine eigenen Aussagen hinaus. Eine erkennbare Absicht gab es; dass ein Film in Produktion gegangen wäre, ist nicht belegt.

Casino Royale bot einen ungewöhnlichen Einstiegspunkt. Ein großer Teil der Spannung in Bonds erstem Roman entsteht durch ein Kartenspiel, die Beobachtung der Gegner und die Verletzlichkeit des Protagonisten. Ein Regisseur, der sich für Gespräche interessiert, die Machtverhältnisse verändern, hätte darin reizvolles Material finden können. Diese Affinität hilft, die Idee einzuordnen, erlaubt aber nicht, ein nicht verfügbares Drehbuch zu rekonstruieren.

Der Verweis auf Pulp Fictionverortet den Wunsch in einer Zeit neu gewonnener kreativer Freiheit. Das bedeutet nicht, dass Tarantino Bond mit derselben verschachtelten Erzählstruktur wie in seinem Film angelegt hätte. Alle seine typischen Merkmale automatisch auf den imaginierten Film zu übertragen, hieße, in seinem Namen einen anderen Vorschlag zu verfassen. Belegt sind das Interesse an Fleming, die Verlegung der Handlung in eine frühere Zeit und der eigenständige Charakter des Projekts.

Pierce Brosnan und ein informelles Gespräch

Auch Pierce Brosnan hat sich an Gespräche mit Tarantino über Bond erinnert. Sein in Interviews während der Promotion von The November Man 2014 wiedergegebener Bericht beschreibt eine Begegnung unter Filmschaffenden und eine Idee, die Begeisterung weckte. Dass ein Schauspieler einen Vorschlag hört, bedeutet nicht, dass er für die Rolle verpflichtet ist. Dieser Unterschied ist besonders wichtig bei einer Reihe, deren Rechte, Produzenten und Besetzungsentscheidungen über beide Beteiligten hinausgehen.

Brosnans Reiz lag in der Verbindung zu einem Bond, den das Publikum bereits kannte. Ihn in eine historische Geschichte zu versetzen, hätte eine ungewöhnliche Mischung ergeben: dasselbe Gesicht, das mit einer jüngeren Phase verbunden war, aber in einem anderen zeitlichen Rahmen. Diese Möglichkeit trägt dazu bei, die anhaltende Faszination des Projekts zu verstehen. Sie erklärt auch, warum die gedankliche Vorstellung eines Films leicht mit den konkreten Schritten verwechselt wird, die eine Produktion erfordert.

Die Schwarz-Weiß-Version taucht in den Schilderungen des Vorschlags immer wieder auf. Man sollte sie als ein mit der Idee verbundenes Merkmal festhalten, ohne daraus eine tatsächlich umgesetzte Kameraentscheidung zu machen. Es gibt keinen fertigen Film, anhand dessen sich Lichtsetzung, Filmmaterial oder Bildausschnitte untersuchen ließen. Der Einsatz von Schwarz-Weiß bei Tarantinokann helfen, seine Gestaltungsmittel in bestehenden Werken zu verstehen, beweist aber nicht, wie er Bond gefilmt hätte.

Eine Handlung in den 1960er-Jahren hätte auch nicht bedeutet, dass die Adaption eine exakte Wiedergabe des 1953 veröffentlichten Romans gewesen wäre. Das vorgeschlagene Jahrzehnt wäre bereits eine Entscheidung bei der Adaption gewesen. Eine historische Epoche prägt Technologie, Kleidung und internationale Beziehungen, doch der Grad der Werktreue hängt von konkreten Entscheidungen zu Figuren und Handlung ab. Darüber lässt sich auf Grundlage der gesicherten Informationen nichts sagen.

Das Projekt im Vergleich zum Film von 2006

Casino Royale kam 2006 unter der Regie von Martin Campbell mit Daniel Craig in der Hauptrolle in die Kinos. Der Film gehört zu einer anderen Produktion und zu einem anderen Ansatz, die Figur neu auszurichten. Seine Existenz belegt weder, dass ein Drehbuch von Tarantino verwendet wurde, noch, dass der Film seine Idee indirekt verwirklichte. Einen Roman als Vorlage zu teilen bedeutet, bestimmte Figuren und Konflikte gemeinsam zu haben – nicht zwangsläufig auch dieselbe kreative Entwicklung.

Ein Vergleich der beiden Möglichkeiten ist offensichtlich asymmetrisch. Campbells Film lässt sich anhand seiner Szenen, Darstellungen und visuellen Entscheidungen analysieren. Tarantinos Version kann nur anhand von Aussagen und Erinnerungen beschrieben werden. Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob sie gewalttätiger, Fleming treuer oder filmisch besser gewesen wäre. Solche Wertungen gehören zum Gedankenspiel alternativer Karriereverläufe.

Der Bericht von 2023 mahnt außerdem dazu, eine allzu einfache Erklärung für das Scheitern zu vermeiden. Tarantino erinnerte sich an einen Versuch, der nicht zustande kam, in einer Situation mit den Rechten, die er für aussichtsreich hielt. Eine vollständige Chronologie der geschäftlichen Verhandlungen lieferte er nicht. Seine Erinnerung so wiederzugeben, als handele es sich um eine abgeschlossene juristische Akte, würde eine Genauigkeit vortäuschen, die die Quelle nicht bietet.

Der anhaltende Reiz dieses Casino Royale liegt in der möglichen Begegnung zwischen einer Franchise-Figur und einem Filmemacher, der es gewohnt ist, seine Erzählwelten selbst zu gestalten. Der Roman bot einen konzentrierten Raum für Misstrauen, Verführung und Gefahr. Tarantino wollte sich damit auseinandersetzen, Brosnan hörte sich die Idee an, und der Film nahm schließlich einen anderen Weg. Das genügt, um einen belegten kreativen Wunsch von einer Produktion zu unterscheiden, die es nie gab.

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