Vincent Vega tötet Marvin versehentlich während der Autofahrt nach dem Besuch in Bretts Wohnung. Jules fährt, Vincent sitzt neben ihm und Marvin auf der Rückbank. Als Vincent ihn in eine Diskussion einbeziehen will, dreht er sich mit der Pistole in der Hand zu ihm um, und die Waffe löst sich.
Der Tod unterbricht ein Gespräch über das Überleben der beiden Auftragskiller und stellt sie vor ein unmittelbares Problem. Bis dahin hätten sie mit dem zurückgeholten Koffer einfach verschwinden können. Jetzt müssen sie Hilfe holen, erklären, was passiert ist, und sich den Forderungen von Personen stellen, die im Auftrag nicht vorgesehen waren.
Die Szene bleibt oft wegen ihres schwarzen Humors im Gedächtnis, der vor allem aus Vincents Reaktion und Jules’ Verärgerung entsteht. Die Wendung verändert aber auch die Position der beiden: Wer gerade noch in einer Wohnung seine Autorität durchgesetzt hat, ist nun auf einen Gefallen angewiesen. Der Unfall zieht ihren Vormittag in die Länge und lässt Marvin keine Möglichkeit, noch in das Geschehen einzugreifen.
Marvins Tod in Pulp Fiction (Quentin Tarantino, 1994) kommt ohne feierliche Vorbereitung. Im Mittelpunkt steht der Streit zwischen Jules und Vincent, als ein Schuss das Gespräch unterbricht. Dieser abrupte Themenwechsel erklärt einen großen Teil der Wirkung der Szene.
Ein Schuss mitten im Gespräch
Marvin hat die Wohnung lebend verlassen und fährt mit den Auftragskillern mit. Im Auto möchte Vincent seine Meinung zu den Ereignissen dort hören. Marvin versucht, sich aus der Diskussion herauszuhalten. Dass er sich nicht äußern will, steht im Gegensatz zum Drängen des Mannes auf dem Vordersitz, der beim Sprechen weiterhin eine Waffe in der Hand hält.
Vincent dreht sich zur Rückbank um, und der Schuss tötet Marvin. Die Sequenz stellt es als Unfall dar: Es gibt weder einen vorherigen Auftrag, ihn zu töten, noch eine angekündigte Entscheidung, ihn zu bestrafen. Auch gibt es keine Enthüllung, die die Geste im Nachhinein als berechnetes Manöver erscheinen lässt. Vincents Überraschung und seine Antwort an Jules gehören zu dieser Darstellung.
Als Vincent sich zu erklären versucht, deutet er an, das Auto könnte über ein Schlagloch gefahren sein. Jules weist das zurück. Der Dialog zeigt eine Ausrede, die der Fahrer nicht gelten lässt; der Film bestätigt das Schlagloch nicht als sichere Ursache. Den Schuss ohne diesen Vorbehalt darauf zurückzuführen, würde die Verteidigung einer Figur zu einer durch die Szene bestätigten Information machen.
Der Gegensatz betrifft auch Marvin. Er ist den Hinrichtungen in der Wohnung entgangen und befindet sich in unmittelbarer Nähe derjenigen, die ihn von dort weggebracht haben. Diese Nähe bietet ihm jedoch keinen Schutz. Im Gespräch wird er um seine Meinung gebeten, ohne dass er die Kontrolle über seine Lage erhält. Er stirbt, bevor er im Austausch eine aktivere Rolle einnehmen kann.
Der schwarze Humor liegt in den Reaktionen
Im vorherigen Streit ging es um Kugeln, die ihre Ziele verfehlt hatten. Der Schuss im Auto führt unmittelbar darauf bei einer anderen Person zum gegenteiligen Ergebnis. Diese Nähe erzeugt eine erkennbare Ironie, auch wenn die Erzählung sie nicht als lehrhafte Antwort auf das darstellt, worüber Jules und Vincent gerade gesprochen haben.
Das Tempo ändert sich, als der Tod sie zwingt, die Debatte abzubrechen. Jules reagiert empört, während Vincent ihn zu beschwichtigen versucht und beteuert, es nicht gewollt zu haben. Das Missverhältnis zwischen dem Schaden und der Art, ihn zu erklären, schafft Raum für schwarzen Humor. Vincent scheint zu erwarten, dass seine Klarstellung, es nicht beabsichtigt zu haben, auch die Folgen für alle abmildert.
John Travolta lässt in dieser Erklärung etwas von der Vertrautheit anklingen, mit der seine Figur zuvor gesprochen hat. Samuel L. Jackson reagiert mit Schreck und Gereiztheit. Durch den Gegensatz zwischen diesen Haltungen behält der Dialog den Rhythmus eines Streits unter Kollegen, selbst nach einem Todesfall. Die Szene lässt das Publikum diesen Widerspruch spüren, ohne ihm eine bestimmte Reaktion vorzuschreiben.
Diese Verwendung von Gewalt als Pointe hängt davon ab, was der Schuss unterbricht. Für einen Moment hatte das Gespräch die Gefährlichkeit der Beteiligten in den Hintergrund treten lassen. Der plötzliche Knall bringt sie wieder in den Vordergrund und führt zu einer Situation, die sie sofort als ein Problem behandeln, das sie lösen müssen.
Kamera und Dialog bleiben bei den Überlebenden. Marvin verstummt, während Vincents und Jules’ Sorgen den Rest der Fahrt bestimmen. Diese Verteilung der Aufmerksamkeit macht ihre Perspektive sichtbar: Die Schwere des Geschehens bemisst sich nun an den Schwierigkeiten, die es ihnen bereitet. Die komische Wirkung besteht neben dieser moralischen Begrenztheit der Figuren.
Ein Unfall, der den Plan für den Vormittag verändert
Der Schuss zwingt Vincent Vega dazu, sich einzugestehen, dass er eine Situation verursacht hat, die er allein nicht zu lösen weiß. Auch wenn er seine Absicht herunterspielt, kann er den vorherigen Normalzustand nicht wiederherstellen. Marsellus’ Auftrag ist nicht länger die einzige offene Angelegenheit, und die Eigenständigkeit, die beide beim Betreten der Wohnung zur Schau gestellt hatten, schwindet.
Jules wendet sich an Jimmie, dessen Haus zum Zentrum der Situation mit Bonnie wird. Die Dringlichkeit der neuen Episode ergibt sich aus diesem an Bedingungen geknüpften Gefallen. Dass sie dort sein dürfen, hängt von einem Gastgeber ab, der sein eigenes Leben hat und die Rückkehr seiner Frau fürchtet. Marvins Tod verwickelt die Auftragskiller so in einen häuslichen Konflikt, den ihre Waffen nicht lösen können.
Der Ortswechsel verändert auch die Art von Autorität, die sie akzeptieren müssen. Die benötigte Hilfe bedeutet, anderen zuzuhören und Vorwürfe hinzunehmen. Vincent, der es gewohnt ist, bei einem Auftrag Druck auszuüben, muss nun für seine eigene Tollpatschigkeit geradestehen. Später werden sie sich an Wolfe wenden, wodurch dieser Verlust an Eigeninitiative weiter anhält.
Tarantino erklärte Gavin Smith im Film Comment, im Juli/August 1994, dass er den Auftragskillern nach einer Hinrichtung weiter folgen und sie durch den Rest des Vormittags begleiten wollte. Der Unfall macht diese Verlängerung konkret: Aus einem scheinbar abgeschlossenen Auftrag entsteht eine weitere Episode mit ganz anderen Anforderungen.
Die Wendung steht in einem klaren kausalen Zusammenhang mit dem Vorangegangenen. Sie ereignet sich im selben Auto, betrifft den Begleiter, der gerade überlebt hat, und entsteht während der noch offenen Diskussion. Der überraschende Schuss lenkt die Geschichte in eine andere Richtung, ohne sie von den Figuren zu lösen, die sie bis dahin geprägt haben.
Phil LaMarr erinnerte sich in einem Interview mit Vanity Fair, das am 31. Januar 2013 veröffentlicht wurde, daran, dass eine frühere Fassung zwei Schüsse vorsah: eine versehentliche Verletzung und einen späteren gezielten Tod. Der Schauspieler brachte die Änderung mit Travoltas Sorge über die Reaktion des Publikums in Verbindung, räumte aber ein, die Entscheidung nicht mit Sicherheit zu kennen. Im veröffentlichten Film gibt es nur einen versehentlichen Schuss.
Dieser Unterschied verändert den Zeitraum, der den Figuren zur Verfügung steht. Eine zweite Entscheidung hätte eine Pause geschaffen, in der sie darüber hätten sprechen können, was mit Marvin geschehen soll, solange er noch lebt. Der bekannte Schnitt konzentriert den Schaden auf einen einzigen Moment und verlagert die Diskussion auf das, was bereits geschehen ist. Dass Vincent es nicht beabsichtigt hat, spielt in seiner Erklärung eine Rolle, ändert aber nichts daran, dass er die Waffe in der Hand hielt, während er mit Marvin sprach.
Wer ein Drehbuch oder eine Erinnerung an die Dreharbeiten heranzieht, sollte darauf achten, auf welche Fassung sie sich bezieht. Eine schriftliche Alternative hilft, die Möglichkeiten der Szene zu verstehen; sie in die Inhaltsangabe des veröffentlichten Films aufzunehmen, verändert das Ereignis, das das Publikum sieht.
