Die Kostümausstattung von Reservoir Dogs bewahrt individuelle Details innerhalb eines einheitlichen Erscheinungsbilds. Mr. White ist ein konkretes Beispiel: Er trägt einen Ring am rechten kleinen Finger und eine Uhr mit schwarzem Armband. Diese kleinen Gegenstände an den Händen und bei ihren Bewegungen liefern visuelle Informationen, ohne das dunkle Ensemble mit weißem Hemd zu verändern, an dem man ihn während des Überfalls erkennt.
Die Accessoires tragen dazu bei, dass die Figur wirkt, als hätte sie bereits vor der Situation, die wir sehen, bestimmte Gewohnheiten gehabt. Dieser Eindruck gehört zur Charakterisierung: Er belegt weder, woher die Stücke stammen, noch, wie viel sie wert sind oder ob sie zum Privatleben von Harvey Keitel gehören. Im Film lässt sich beobachten, wie er sie trägt; die Herkunft der Gegenstände erfordert eine andere Art der Dokumentation.
Diese Unterscheidung ist besonders hilfreich angesichts der Annahme, alle Schauspieler hätten ihren Schmuck selbst ausgewählt. Betsy Heimanns Interviews bestätigen eine auf die einzelnen Darsteller abgestimmte Kostümausstattung, belegen aber nicht diese allgemeine Behauptung über Ringe und Uhren. Eine fundierte Analyse geht von den identifizierbaren Stücken und ihrer Präsenz im Bild aus.
Mr. Whites Ring und Uhr
Die Analyse von BAMF Style zu Mr. White, veröffentlicht am 15. September 2014 und mit Bildern versehen, identifiziert den Ring am kleinen Finger der rechten Hand sowie eine Uhr mit schmalem schwarzem Armband. Diese Merkmale ermöglichen eine Beschreibung der Accessoires, ohne die Angaben zu Materialien oder Edelsteinen zu übernehmen, die dieselbe Quelle ebenfalls macht. Der Autor selbst räumt ein, dass sich die Uhr nur schwer sicher identifizieren lässt.
Der Ring sitzt am äußeren Rand der Hand. Seine Position lässt ihn die Kontur der Finger begleiten, wenn White gestikuliert, statt den mittleren Teil seiner Kleidung zu verändern. Bei einer kurzen Bewegung kann er den Blick auf sich ziehen und danach in den Hintergrund treten, sobald die Hand ihre Position verändert. Dieses visuelle Verhalten erklärt, wie ein kleines Schmuckstück zur Interpretation beiträgt, ohne dass eine eigene Nahaufnahme nötig ist.
Die Uhr bringt eine andere Art von Detail ins Spiel. Das dunkle Armband umschließt das Handgelenk und kann teilweise vom Ärmel verdeckt werden. Wie gut sie zu sehen ist, hängt vom Zusammenspiel von Arm, Hemdmanschette und Bildausschnitt ab. Daher lässt sich leichter erkennen, dass er eine Uhr trägt, als das Zifferblatt abzulesen oder einen Hersteller zu bestimmen. Eine präzise Beschreibung kann sich auf den Gegenstand beschränken, den das Bild erkennen lässt.
Die beiden Accessoires setzen unterschiedliche Blickpunkte: Das eine bewegt sich mit den Fingern, das andere erscheint am Übergang zwischen Kleidung und Haut. Für ihre Funktion auf der Leinwand ist dieser Unterschied wichtiger als eine kommerzielle Identifizierung. Die Kostümausstattung begleitet alltägliche Handlungen der Figur und fügt sich in sie ein, ohne die Szene zu unterbrechen, um jedes getragene Element zu erklären.
Wie Accessoires die Figur individualisieren
In ihren Interviews mit Clothes on Film und Highsnobiety beschreibt Betsy Heimann bewusst gewählte Variationen zwischen den Outfits der Darsteller. Ihre Aussagen belegen, dass sich hinter der allgemeinen Ähnlichkeit ein individuelles Design verbarg. Daraus lässt sich nicht automatisch schließen, dass die Schauspieler alle Entscheidungen selbst trafen: Ein Schmuckstück auszuwählen, es zum Dreh mitzubringen und es vor der Kamera zu tragen, sind unterschiedliche Beiträge.
Als visuelle Lesart lässt sich Whites Ring mit dem Bild eines Gangsters verbinden, der auf sein Auftreten achtet. Diese Assoziation macht das Schmuckstück jedoch weder zu einem Rangabzeichen noch erklärt sie seine Beziehung zu Joe. Auch seinen Familienstand legt sie nicht fest. Die Figur gewinnt durch das Zusammenspiel von Erscheinungsbild, Verhalten und Dialog an Tiefe; keiner dieser Aspekte wird durch den Finger erklärt, an dem er einen Gegenstand trägt.
Die Verbindung zwischen Kostümausstattung und Figurenidentität lässt Raum für solche unaufdringlichen Details. Ein Accessoire kann den Eindruck vermitteln, dass eine bestimmte Person die Kleidung mit eigenen Vorlieben trägt, auch wenn die Handlung seine Herkunft nicht erklärt. Es trägt dazu bei, innerhalb einer von krimineller Arbeit geprägten Szene den Eindruck eines Alltagslebens aufrechtzuerhalten.
Wie stark die Hände visuell in den Vordergrund treten, hängt von der jeweiligen Handlung ab. Eine ruhige und eine angespannte Geste können denselben Ring zeigen, aber unterschiedliche Eindrücke hervorrufen. Die Veränderung entsteht durch Rhythmus, Haltung und die Situation, in der sich die Figur befindet. In diesem Sinne bietet das Accessoire einen festen Bezugspunkt, um den sich die Interpretation verändert. Es muss sich nicht selbst verändern, um an der Szene mitzuwirken.
Auch eine Uhr kann je nach Einsatz unterschiedliche filmische Funktionen erfüllen. Sie als Teil der Kleidung zu tragen, ist nicht dasselbe, wie ihr Zifferblatt zu zeigen, um eine Frist oder eine Wartezeit zu verdeutlichen. Bei einer Analyse von Whites Kostümausstattung steht zunächst ihre Präsenz am Körper im Vordergrund. Ihr eine Funktion als Zeitmesser zuzuschreiben, würde eine konkrete Handlung voraussetzen, die diese Deutung stützt. Die Unterscheidung zwischen dem Tragen eines Gegenstands und seinem Einsatz als erzählerische Information ermöglicht es, unaufdringliche Details zu würdigen, ohne jedes Stück zu einem Hinweis oder Auslöser eines Ereignisses machen zu müssen.
