Oswaldo Mobray und Pete Hicox: Autorität als Verkleidung

Oswaldo Mobray spricht mit der Selbstsicherheit eines Profis über Gerechtigkeit. Als sich herausstellt, dass er in Wirklichkeit Pete Hicox ist, wird diese Eleganz zum Teil einer Inszenierung, die ein Verbrechen schützen soll.

Ein Henker, der John Ruths Reise sinnvoll erscheinen lässt

Oswaldo Mobray stellt sich als Henker von Red Rock vor. Seine Anwesenheit scheint gut zu John Ruths Auftrag zu passen, der Daisy an den Ort bringt, an dem sie gehängt werden soll. Tim Roth verkörpert diese Identität mit kultivierten Manieren, sorgfältiger Aussprache und der Bereitschaft, seinen Beruf zu erklären. Die Figur vermittelt den Eindruck von Ordnung in einem Raum voller misstrauischer Männer.

Doch seine Identität ist erfunden. In Wirklichkeit ist er Pete Hicox, eines der Bandenmitglieder, die den Gemischtwarenladen besetzt haben, um Daisy zu befreien. Seine Rolle verlangt mehr, als nur seinen Namen zu verbergen: Er muss die anderen davon überzeugen, dass er eine Institution vertritt, die außerhalb des Konflikts steht. Wenn sie ihn für den Henker halten, können seine Worte mehr Gewicht bekommen als die eines gewöhnlichen Reisenden.

Die Wahl der Verkleidung ist besonders raffiniert, denn Ruth sieht es als seine Aufgabe, seine Gefangenen lebend zum Galgen zu bringen. Der vermeintliche Henker erscheint als nächstes Glied einer professionellen Kette. So können sie über Verfahren und Strafen sprechen, ohne dass ihre Beziehung allzu verdächtig wirkt. Der Verbrecher bedient sich der Sprache, mit der sein Gegenspieler seine Arbeit rechtfertigt.

Roths Darstellung stellt die formelle Höflichkeit in einen Gegensatz zur Gewalt des angekündigten Berufs. Er kann höflich davon sprechen, einen Menschen zu töten, weil er die Tat als geregelte Aufgabe präsentiert. Dieser Abstand zwischen Ton und Inhalt macht die Rede reizvoll und bereitet die spätere Ironie vor: Derjenige, der legitime Autorität erklärt, setzt eine Lüge ein, um bei einem Verbrechen mitzuhelfen.

Der Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Rache aus dem Mund eines Hochstaplers

Mobray erklärt, warum Gerechtigkeit von persönlicher Genugtuung getrennt werden müsse. Seinem Argument zufolge sind das Verfahren und die Distanz des Henkers zum Verurteilten von Bedeutung. Die Szene lässt eine durchdachte Position in einer Welt zu Wort kommen, in der fast alle wirtschaftliche Interessen, Kränkungen oder Rachegelüste haben. Die Rede scheint einen Maßstab zur Beurteilung der heraufziehenden Gewalt anzubieten.

Die Enthüllung seiner Identität macht nicht automatisch jeden einzelnen Punkt seines Arguments unsinnig. Wer über seine Identität lügt, kann dennoch eine nachvollziehbare Unterscheidung treffen. Die Ironie liegt darin, dass sein Verhalten der Autorität widerspricht, von der aus er spricht. Der Film zwingt dazu, den Inhalt einer Idee, die Glaubwürdigkeit der Person, die sie vorträgt, und deren Absicht voneinander zu trennen.

Der Dialog über Gesetz und Rache erhält im Schluss eine andere Bedeutung. Warren und Mannix berufen sich auf das von Ruth vorgesehene Schicksal, richten Daisy aber mitten im Konflikt und ohne ein unabhängiges Gerichtsverfahren hin. Der falsche Henker hatte eine Distanz beschrieben, die keiner von beiden wahrt. Seine Darstellung führt somit einen Maßstab ein, den der Film selbst nutzt, um den Ausgang unangenehm wirken zu lassen.

Die Figur zeigt auch, wie viel die Art zu sprechen ausmachen kann. Präzision und kultivierter Ausdruck vermitteln Kompetenz, belegen aber nicht die behauptete Identität. Mobray muss erreichen, dass die anderen Vertrautheit mit professioneller Sprache für den Beweis eines echten Amtes halten. Seine Maske funktioniert, weil er in einer Situation, die alle verstehen wollen, eine geordnete und scheinbar beruhigende Erklärung bietet.

Pete Hicox, die Bande und die Verwandtschaft jenseits der Leinwand

Der Rückblick auf Domergues Bande zeigt Pete, wie er an den Vorbereitungen für die Täuschung mitwirkt. Der Gemischtwarenladen war schon vor Ruths Ankunft besetzt worden, und die Geschichten der Gäste waren aufeinander abgestimmt. Wenn das Publikum von dieser Vorgeschichte erfährt, kann es das Gespräch über den Henker noch einmal überdenken und als Teil einer gemeinsamen Inszenierung erkennen.

Der Nachname Hicox erinnert an Archie Hicox, den britischen Leutnant, den Michael Fassbender in Inglourious Basterds spielt. Diese Verbindung muss nicht allein aus der Namensgleichheit abgeleitet werden: Tim Roth sprach in einem Interview mit CinemaBlend darüber und bezeichnete Pete als Archies Vorfahren. In derselben Antwort zeigte er sich unsicher, wie viele Generationen genau dazwischenliegen. Daher sollte man keine genauere Genealogie behaupten, als seine Aussage hergibt.

Diese Verwandtschaft gehört zu einer Erklärung, die außerhalb der Handlung von The Hateful Eight liegt. Der Film zeigt keinen Stammbaum, und das Publikum muss Archie nicht kennen, um Pete zu verstehen. Die Verbindung zwischen den beiden Hicoxes erweitert das Spiel mit den Beziehungen zwischen verschiedenen Werken, erklärt aber für sich genommen weder den Charakter noch die Entscheidungen oder das Schicksal der beiden Männer.

Tim Roths Beitrag zum Kino von Tarantino zeigt sich hier in einer besonders theatralischen Variante: Er spielt einen Verbrecher, der einen überzeugenden Beamten spielt. Seine sprachliche Eleganz rückt die Lüge in den Mittelpunkt, bevor sie aufgedeckt wird. Pete Hicox zeigt, wie leicht ein Raum jemanden als Autorität akzeptiert, der seine Sprache beherrscht – selbst wenn diese Sprachgewandtheit dazu dient, genau jene Ordnung zu zerstören, die er angeblich vertritt.

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