The Hateful 8 nutzt ein Großbildformat, um einen Raum voller Verdächtiger in den Blick zu nehmen. Das breite Bild passt sowohl zur verschneiten Landschaft als auch zur Distanz zwischen Menschen, die einander zu beobachten versuchen.
Was 65 mm, 70 mm und 2,76:1 bedeuten
The Hateful 8 wurde auf 65-mm-Negativ mit anamorphotischen Ultra-Panavision-70-Objektiven gedreht. Die fotochemischen Vorführkopien wurden auf 70-mm-Film hergestellt. Die beiden Zahlen bezeichnen unterschiedliche Phasen des Prozesses und sind kein Benennungsfehler. Der Markenname des Systems enthält weiterhin die 70, obwohl das Material in der Kamera 65 Millimeter breit ist. Wer Negativ und Kopie verwechselt, kann nur schwer nachvollziehen, was die Produktion gemacht hat.
Das Bildseitenverhältnis beträgt ungefähr 2,76:1: Auf jede Einheit Höhe kommen 2,76 Einheiten Breite. Das ist ein besonders panoramisches Verhältnis. Die Anamorphose dieser Objektive staucht das Bild bei der Aufnahme horizontal und erfordert bei der Wiedergabe eine entsprechende Entzerrung. Die Kombination aus Negativfläche und dieser optischen Umwandlung ermöglicht den endgültigen Bildausschnitt. Das ist nicht einfach dasselbe, wie oben und unten einen Teil eines herkömmlichen Bildes abzuschneiden, bis es sehr breit wirkt.
Panavision setzte für das Projekt historische Objektive wieder instand und passte sie an. In der Dokumentation des Unternehmens werden die APO-Panatar-Objektivfamilien mit einem Anamorphosefaktor von 1,25 aufgeführt. Damit sie mit den Kameras und den Anforderungen der Dreharbeiten zusammenspielen konnten, war technische Entwicklungsarbeit erforderlich. Das Ergebnis entstand also nicht dadurch, dass man eine unberührte Kamera aus dem Museum holte und ohne Vorbereitung einsetzte. Die angestrebte Ästhetik beruhte auf zeitgenössischer Arbeit an Ausrüstung, deren Entwurf aus einer anderen Phase der Filmindustrie stammte.
Das Format ist auch nicht mit IMAX zu verwechseln. Beide können mit großformatigem Film in Verbindung gebracht werden, doch diese Ähnlichkeit macht sie nicht zum selben System. The Hateful 8 verwendet Ultra Panavision 70 und ein extrem horizontales Bild. Um zu beschreiben, was das Publikum sieht, ist es hilfreicher, das System und sein Bildseitenverhältnis zu benennen, als „Großformat“ so zu verwenden, als wären alle Verfahren und Ergebnisse austauschbar.
Von der offenen Landschaft in einen vollen Raum
In den Außenaufnahmen setzt die Breite die Postkutsche in Beziehung zu einer Schneefläche, die jedes Vorankommen zu erschweren scheint. Das Fahrzeug kann nur einen kleinen Teil des Bildausschnitts einnehmen, während Berge und Gelände weiterhin präsent sind. Der visuelle Maßstab macht die Zerbrechlichkeit der Reise spürbar. Das Bild muss nicht mit Action gefüllt sein: Die Entfernung zwischen der Gruppe und jedem möglichen Zufluchtsort kann für sich allein schon die Erwartung von Gefahr schüren.
Die Dreharbeiten in Telluride lieferten einen Teil dieses Materials, doch die Wirkung des Formats endet nicht, wenn die Handlung in Minnies Laden spielt. Im Inneren des Kurzwarenladens lassen sich dank der Breite mehrere Personen an verschiedenen Positionen in einer Einstellung zeigen. Ein Gespräch im Vordergrund kann neben einer Figur stattfinden, die im Hintergrund zuhört. Das Publikum erhält seitliche Informationen und muss entscheiden, welcher Geste es Aufmerksamkeit schenkt. Die Bildbreite wird zum Instrument der Überwachung.
Das bedeutet nicht, dass alle Figuren jederzeit scharfgestellt oder sichtbar sind. Bildausschnitt, Brennweite, Kameraposition und Fokus bestimmen weiterhin, welche Informationen ausgewählt werden. Ein breites Bild kann viel zeigen und zugleich etwas Entscheidendes verbergen. Die Spannung lebt von diesem Gegensatz zwischen dem Gefühl, den Raum überblicken zu können, und der Unmöglichkeit, alles Geschehen gleichzeitig zu verfolgen. Das Format erweitert die Gestaltungsmöglichkeiten, hebt aber die erzählerische Kontrolle über den Blick nicht auf.
Die Kameraarbeit von Robert Richardson mit Tarantinoräumt auch dem Gesicht Platz ein. Eine panoramische Nahaufnahme kann eine Person zeigen und zugleich Hinweise auf ihre Umgebung bewahren – oder ihren Blick über eine leere Bildfläche hinwegführen lassen. Für ein menschliches Panorama braucht es keine Totale. Der Ausdruck eines Gesichts, der während eines Satzes oder einer Pause gehalten wird, kann ebenso dominant wirken wie die Größe des Berges in der Eröffnungsszene.
Licht setzen, die Kamera bewegen und das Bild bewahren
Die Bildbreite erschwert die Beleuchtung von Innenräumen: Ein großer Teil des Raums bleibt sichtbar, sodass weniger Möglichkeiten bleiben, Ausrüstung zu verbergen. Richardson erklärte, dass die Kamerabewegungen dieses Problem verschärften. Im Kurzwarenladen musste die Beleuchtung nachvollziehbar bleiben, während Figuren und Kamera die verschiedenen Bereiche durchquerten. Die Lichtsetzung ordnet Volumen und Richtungen so, dass der Raum Tiefe behält, statt zu einer Wand aus aufgereihten Gesichtern zu werden.
Die Produktion verband den in Colorado gebauten Innenraum mit späteren Arbeiten in einem gekühlten Studio in Hollywood. Die Kontinuität zwischen beiden Räumen hängt von Ausstattung, Licht, Position und Atmosphäre ab. Sichtbarer Atem und kalte Oberflächen helfen, sie miteinander zu verbinden, reichen dafür aber allein nicht aus. Das Publikum muss denselben Ort erkennen, obwohl unter unterschiedlichen Bedingungen gedreht wurde. Das Format hält diese Details in ihrer ganzen Breite fest und macht räumliche Stimmigkeit besonders wichtig.
Für eine Vorführung in 70 mm braucht es eine geeignete Kopie, passende Objektive und einen entsprechenden Projektor. Eine digitale Übertragung kann das Bildseitenverhältnis von 2,76:1 bewahren, ohne dadurch zu einer fotochemischen Projektion zu werden. Umgekehrt verrät das Vorführmedium allein nicht, welche Schnittfassung zu sehen ist. Die Fassungen von The Hateful 8 unterscheiden sich in Länge und Aufbau; diese Unterschiede müssen getrennt von der Größe des für die Vorführung verwendeten Materials betrachtet werden.
Diese Entscheidung gehört zu Tarantinos Argumenten für Zelluloid. Ihr konkreter Nutzen lässt sich jedoch erkennen, ohne eine allgemeingültige Überlegenheit eines Mediums über ein anderes anzunehmen. In diesem Film verbindet die Bildbreite die Isolation im Freien mit der Überwachung im Innenraum; die Detailzeichnung lässt Gesichter, Stoffe und Gegenstände zur Geltung kommen; und die Inszenierung nutzt das Bild, um Verdachtsmomente zu verteilen. Das Format erhält durch diese Entscheidungen seinen Sinn – nicht allein durch die historische Seltenheit der Kameras oder eine Zahl auf dem Filmplakat.
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