Tarantinos erste Spielfilme beruhen auf der Zusammenarbeit mit Sekuła: Gesichter, Wege und Räume sind ebenso wichtig wie die Dialoge.
Andrzej Sekuła war Kameramann bei Reservoir Dogs und Pulp Fiction. Seine Arbeit ist Teil zweier Spielfilme, die Quentin Tarantinos Stil einem breiten Publikum bekannt machten. Außerdem arbeitete er an Four Rooms mit, einem Episodenfilm, zu dem der Regisseur eine der Geschichten beisteuerte. Bei Jackie Brown war Guillermo Navarro der Kameramann: Die zeitliche Nähe dieser Filme macht ihre Credits nicht austauschbar.
Mit Sekuła trafen unterschiedliche Laufbahnen aufeinander. Der Artikel von American Cinematographer über Reservoir Dogs dokumentiert, wie ein in Polen geborener Filmschaffender zu Tarantinos erstem Film stieß, der für den kommerziellen Verleih bestimmt war. Auch das später von Camera & Light veröffentlichte Interview zeichnet seinen Werdegang und sein Interesse daran nach, selbst die Kamera zu führen. Dieser praktische Aspekt ist wichtig in einem Kino, in dem die Position, von der aus jemand beobachtet wird, ein Gespräch völlig verändern kann.
Ein Lagerhaus, in dem die Orientierung erhalten bleiben muss
Ein großer Teil der Handlung von Reservoir Dogs spielt an einem Treffpunkt nach einem Raubüberfall, den wir nicht zu sehen bekommen. Die Kameraarbeit muss diesen Ort so gestalten, dass Bewegung möglich ist und zugleich ein Gefühl der Ausgesetztheit bestehen bleibt. Die Figuren kommen verletzt an, streiten, gehen auseinander und nähern sich wieder einander. Die Weitläufigkeit des Lagerhauses verschafft ihnen keine Freiheit: Jede Bewegung kann sie den Blicken der anderen aussetzen.
Dunkle Anzüge heben sich von hellen Oberflächen ab und machen die Silhouetten schnell erkennbar. Wenn Blut ein Hemd verändert oder ein Körper zusammensackt, wird dieser Unterschied innerhalb einer zunächst einfachen Ordnung sichtbar. Dieser Effekt hängt von mehreren Abteilungen ab, insbesondere von Kostüm und Maske; die Kameraarbeit bestimmt jedoch, wie ihre Kontraste eingefangen werden. Eine liegende Figur nimmt den Raum anders ein als diejenigen, die sich noch darin bewegen und im Stehen streiten können.
Die Kamera beschränkt sich auch nicht darauf, die sprechende Person abzubilden. Sie kann die Beziehung zwischen zwei Männern aufrechterhalten oder unsere Aufmerksamkeit von einem Übergriff weglenken. Dadurch verändert sich, welche Informationen wir unmittelbar erhalten und was wir uns mithilfe des Tons erschließen müssen. Die Gewalt wirkt auch dann verstörend, wenn sie nicht vollständig visuell vorgeführt wird. Der Leitfaden zu Reservoir Dogsbeleuchtet den Aufbau der Erzählung; hier geht es darum, wie diese Erzählung vor der Kamera eine materielle Präsenz erhält.
Der Anfang im Café stellt eine andere Herausforderung dar. Bei einem Gruppengespräch muss man sich zwischen Stimmen und Positionen orientieren können, ohne dass der Tisch zu einer mechanischen Abfolge von Porträts wird. Durch die Bewegung können einige Personen zeitweise einbezogen und andere ausgeschlossen werden. So lernen wir eine Gruppe kennen, bevor wir all ihre Loyalitäten unterscheiden können. Die Kameraarbeit trägt zu diesem Gruppenerlebnis bei, das später zerbricht, wenn nur noch individuelle Verdächtigungen übrig bleiben.
Pulp Fiction erweitert die Schauplätze und Ausdrucksformen
Pulp Fiction verlässt die räumliche Enge des Lagerhauses und führt durch Restaurants, Wohnungen, Fahrzeuge und Geschäfte. Sekuła muss eine wiedererkennbare visuelle Identität bewahren, ohne all diese Orte gleich aussehen zu lassen. Ein Haus, das mit Privilegien verbunden ist, eine bescheidene Wohnung und ein gewöhnlich wirkendes Geschäft geben den Figuren Gelegenheit, unterschiedliche Formen von Selbstsicherheit zur Schau zu stellen. Das Eindringen von Gewalt verändert anschließend die Bedeutung dieser Räume.
Das Restaurant Jack Rabbit Slim's ist ein besonders augenfälliges Beispiel für die Zusammenarbeit mit dem Szenenbild. Seine Einrichtung bietet Bilder, die innerhalb des Bildkaders die Blicke auf sich ziehen. Die Kamera muss den Ort als Spektakel erlebbar machen und zugleich die Beziehung zwischen Mia und Vincent im Blick behalten. Würde alles auf das Aufzählen von Anspielungen hinauslaufen, verlöre das Gespräch an Bedeutung; verschwände die Ausstattung, ginge auch ein Teil des gemeinsamen Erlebnisses der beiden verloren.
Alltägliche Innenräume erzeugen eine andere Art von Kontrast. Die Figuren sprechen, als kennten sie die Regeln dieser Welt, doch hinter einer Tür oder in einem Zimmer kann etwas lauern, das dieses Vertrauen erschüttert. Die Kameraarbeit zeigt scheinbar vertraute Oberflächen und lässt die Handlung unsere Wahrnehmung davon verändern. Im Leitfaden zu Pulp Fictionlassen sich die erzählerischen Folgen dieser Veränderungen nachvollziehen, ohne dem Kameramann das Verfassen der Situationen zuzuschreiben.
Auch Nahaufnahmen erfüllen nicht immer eine gefühlsbetonte Funktion. Ein Gesicht aus nächster Nähe kann je nach Situation und Verhältnis zu den übrigen Bildelementen bedrohlich, lächerlich, verwirrt oder verletzlich wirken. Sekuła arbeitet mit Körpern, die zwischen Kontrolle und Ungeschicklichkeit wechseln. Das Bild macht diesen Wandel erkennbar, bevor der Dialog ihn erklärt – besonders dann, wenn eine Figur, die eben noch das Sagen zu haben schien, schließlich auf Anweisungen einer anderen warten muss.
Eine Zusammenarbeit anerkennen, ohne eine Einzelurheberschaft zu erfinden
Sekułas Arbeit lässt sich nicht als Sammlung fertiger Einstellungen erklären, die Tarantino lediglich entgegengenommen hätte. Regie und Kameraarbeit verhandeln Positionen, Bewegung und Möglichkeiten der Beleuchtung, während der Schnitt anschließend Dauer und Reihenfolge der Bilder verändert. Die Credits machen Verantwortlichkeiten kenntlich; Interviews können konkrete Entscheidungen dokumentieren. Weder das eine noch das andere rechtfertigt es, ohne Belege jede visuelle Idee einer einzelnen Person zuzuschreiben.
Ein Vergleich dieser Filme zeigt Sekułas Anpassungsfähigkeit. Reservoir Dogs muss eine lang anhaltende Enge aufrechterhalten, während Pulp Fiction Welten miteinander verknüpft, die sich berühren, ohne einander vollständig zu kennen. Sekuła trägt dazu bei, dass beide bewohnbar und bedrohlich wirken. Sein Platz unter den Kameramännern von Tarantinoerschließt sich aus diesen spezifischen Anforderungen. Die spätere Phase mit Jackie Browngehört zu einer anderen Zusammenarbeit und sollte mit dem eigenen Credit gewürdigt werden.
Weitere Informationen: Tarantinos Filmcrew.
