Greg Nicotero und KNB EFX: Körper und Effekte bei Tarantino

Filmische Verletzungen sind konstruierte Bilder. Ihre Wirkung hängt von der materiellen Arbeit ab und davon, wie der Film entscheidet, sie zu zeigen, zu verbergen oder in die Länge zu ziehen.

Greg Nicotero ist neben Robert Kurtzman und Howard Berger einer der Gründer der KNB EFX Group. Das Unternehmen vereint Fachleute für Spezialeffekt-Make-up und Prothesen – Bereiche, die in einer Filmografie, in der Körper die Folgen von Gewalt ganze Szenen lang sichtbar tragen können, eine zentrale Rolle spielen. Die Zusammenarbeit mit Quentin Tarantino begann mit Reservoir Dogs und setzte sich in Produktionen sehr unterschiedlicher Größenordnung fort. Dabei sollte man das Team als Ganzes würdigen und nicht alle seine Arbeiten zu individuellen Schöpfungen Nicoteros erklären.

Seine Arbeit ist auch nicht mit sämtlichen Effekten eines Films gleichzusetzen. Make-up, Prothesen, praktische Effekte am Set, Stunts und digitale Compositing-Arbeiten können aus unterschiedlichen Zuständigkeitsbereichen an ein und demselben Bild mitwirken. Die Beteiligung von KNB erlaubt es nicht, dem Unternehmen automatisch eine Explosion, einen Sturz oder irgendeine andere sichtbare Veränderung zuzuschreiben. Was diese Abteilungen verbindet, ist die Notwendigkeit, eine glaubwürdige Handlung innerhalb der von dem Film gewählten Darstellungsweise zu erzeugen.

Reservoir Dogs: eine Folge zeigen und die Tat verbergen

In einem Interview mit Ain't It Cool News erklärte Nicotero, er habe Tarantino über Scott Spiegel kennengelernt. Außerdem erinnerte er sich an die Herstellung der in Reservoir Dogs verwendeten Ohren. Der Bericht des Fachmanns bestätigt eine konkrete materielle Zusammenarbeit, doch der Film trifft zugleich eine ebenso wichtige Entscheidung: Während des Angriffs wendet die Kamera den Blick ab. Die Existenz einer Prothese verpflichtet den Film nicht dazu, den gesamten dargestellten Vorgang frontal zu zeigen.

Diese Verschiebung verändert die Beteiligung des Publikums. Die Kontinuität des Tons und das Verhalten des Angreifers lassen verstehen, was geschieht, auch wenn ein explizites Bild des entscheidenden Augenblicks fehlt. Wenn die Folge sichtbar wird, vervollständigt der materielle Effekt eine Handlung, die sich die Vorstellungskraft bereits ausgemalt hat. Der Leitfaden zu Reservoir Dogsordnet diese Szene in eine Erzählung ein, in der die Unsicherheit über die Identitäten mit sehr konkreter körperlicher Gewalt einhergeht.

Mr. Oranges verletzter Körper erfüllt eine weitere Funktion. Sein Zustand muss bestehen bleiben, während die anderen diskutieren, sich erinnern und Vermutungen anstellen. Die Wunde ist nicht bloß ein kurzer Überraschungsmoment: Sie nimmt erzählerische Zeit ein. Kleidung, Körperhaltung und sichtbare Spuren der Verletzung erinnern daran, dass jemand Hilfe braucht. Diese Kontinuität verwandelt den Gesprächsraum in eine Notsituation, auch wenn manche Figuren versuchen, sich darauf zu konzentrieren, herauszufinden, wer sie verraten hat.

Deshalb lassen sich Effekte nicht allein nach ihrer isolierten Intensität beurteilen. Eine Verletzung, die nur wenige Sekunden zu sehen ist, und eine, die während eines Großteils der Laufzeit bestehen bleibt, stellen unterschiedliche Anforderungen an Kontinuität und Schauspiel. Letztere muss weiterhin mit Bewegungen, wechselnden Einstellungen und der dramatischen Entwicklung vereinbar sein. Das Publikum mag aufhören, bewusst auf sie zu achten, doch ihre Präsenz prägt die Szene weiterhin.

Kill Bill und der bewusste Wechsel des Maßstabs

Kill Bill führt die Gewalt in eine offen stilisierte Darstellung. Die Folgen für den Körper können ein Ausmaß annehmen, das an Traditionen des Action- und Horrorfilms anknüpft. Diese Übersteigerung sollte nicht mit einem Anspruch auf medizinischen Realismus verwechselt werden. Der Film etabliert eigene Ausdrucksregeln, die den Wechsel zwischen Unbehagen, Spektakel und schwarzem Humor ermöglichen. Der Effekt trägt neben Schnitt, Ton und Schauspiel zu diesem Wechsel bei.

Die Schlacht im Haus der Blauen Blätter zeigt zahlreiche Körper in Bewegung und einen raschen Wandel des Raums. Eine sichtbare Folge hilft zu erkennen, wer getroffen wurde, welcher Bereich gefährlich wird und wann sich das Kräfteverhältnis verschiebt. Die Übertreibung kann eine rasante Handlung verständlicher machen. Zugleich kann sie sich von alltäglicher Gewalt entfernen und sie einer unverkennbar filmischen Fantasie annähern.

Der Leitfaden zu Kill Billhilft dabei, dieser Vielfalt zu folgen, ohne das gesamte Werk auf eine einzige Art von Effekt zu reduzieren. Der Kampf mit Vernita Green etwa findet in einem häuslichen Umfeld statt, das den Ton des Gesehenen verändert. Eine körperliche Verletzung kann durch die Nähe zum Familienleben besonders beklemmend wirken. Dieselbe technische Fähigkeit kann je nach Schauplatz und beteiligten Figuren ganz unterschiedliche emotionale Erlebnisse ermöglichen.

Der Zusammenhang mit dem Kampfkunst- und Samurai-Kinosollte präzise formuliert werden. Eine visuelle Ähnlichkeit zu erkennen, beweist nicht, dass jede Wunde einem bestimmten Film nachempfunden ist. Belegte Referenzen helfen, konkrete Entscheidungen zu erklären; eine Analyse kann Ähnlichkeiten beschreiben, ohne für jede Einstellung eine Genealogie zu erfinden. KNB liefert materielle Lösungen für eine Reihe von Anforderungen, die die Regie in ihrer eigenen Filmsprache gestaltet.

Die Wirkung des Effekts hängt davon ab, was der Film mit ihm macht

Eine Prothese entfaltet ihre volle Wirkung erst vor der Kamera. Abstand, Beleuchtung und Dauer bestimmen, welche Merkmale wahrnehmbar sind. Das Schauspiel vermittelt Widerstand, Schmerz oder Überraschung; der Schnitt entscheidet, wann die Folge sichtbar wird; der Ton kann sie abrupter wirken lassen. Keines dieser Elemente ersetzt die materielle Arbeit, doch alle verändern, wie wir sie erleben. Eine hervorragende Arbeit entfaltet ihre Wirkung nicht unabhängig von der Einstellung, in der sie zu sehen ist.

Die Analyse der praktischen Bluteffektekann visuelle Entscheidungen näher beleuchten, ohne daraus Anleitungen zur Nachahmung gefährlicher Handlungen zu machen. Im Porträt von Nicotero und KNB geht es darum, eine kontinuierliche Zusammenarbeit und die Vielfalt ihrer Ergebnisse anzuerkennen. Von der beklemmenden Eindringlichkeit von Reservoir Dogs bis zu den Übersteigerungen von Kill Bill trägt das Team dazu bei, fiktiven Körpern Präsenz zu verleihen, deren Verwandlungen Angst, Überraschung und Rhythmus des Films prägen.

Weitere Informationen: Tarentinos Filmteam.