Raskin kam mit Berufserfahrung und Kenntnis des Teams in Tarantinos Schneideraum. Seine Filme stellen sehr unterschiedliche Anforderungen an das Tempo.
Fred Raskin montierte Django Unchained, The Hateful Eight und Once Upon a Time in Hollywood. Zuvor hatte er bei beiden Kill-Bill-Filmen als Schnittassistent an der Seite von Sally Menke gearbeitet. Dieser Werdegang ist bedeutsam, denn als er nach Menkes Tod im Jahr 2010 die Hauptverantwortung für den Schnitt übernahm, brachte er sowohl Vertrautheit mit Tarantinos Arbeitsweise als auch Erfahrung als Filmeditor anderer Langfilme mit. Als er Django Unchained übernahm, musste er das Handwerk nicht erst lernen.
Die Formulierung „den Schnitt erben“ beschreibt eine berufliche Kontinuität, kann aber ein allzu passives Bild vermitteln. Jeder Film erfordert neue Entscheidungen über Dauer, Schauspiel und Informationsvermittlung. Ebenso wenig lassen sich die Merkmale eines Werks auf zwei Cutter aufteilen, als stammten einige zwangsläufig von Menke und andere ausschließlich von Raskin. Das Ergebnis entsteht in der Zusammenarbeit mit dem Regisseur und aus dem Material, das für eine konkrete Geschichte gedreht wurde. Am ergiebigsten ist ein Vergleich, der sich den Problemen widmet, die jeder Film lösen muss.
Vom Schnittassistenten zu einer anderen Verantwortung
In seinem Interview mit CineMontage über Hollywood erinnerte sich Raskin daran, dass ein großer Teil seines kreativen Beitrags während der Arbeit an Kill Bill darin bestand, für Menke Toneffekte zu schneiden. Das ist ein aufschlussreicher Hinweis, denn er verortet seine Ausbildung im Zusammenspiel von Ton und Bild. Ein Schnitt kann je nachdem, was wir unmittelbar davor und danach hören, kraftvoll, leicht oder unangenehm wirken. Kontinuität erschöpft sich nicht darin, dass eine Hand an derselben Stelle zu sehen ist.
Diese Erfahrung macht ihn rückwirkend nicht zum Hauptcutter von Kill Bill. Der Schnitt wird Menke zugeschrieben. Die Verantwortlichkeiten zu unterscheiden, ermöglicht es, beiden gerecht zu werden, ohne die Assistenz als Ersatzautorschaft darzustellen oder als bedeutungslose Arbeit abzutun. Der Schneideraum ist ein Ort der Zusammenarbeit mit klar umrissenen Aufgaben. Das Material und die Vorlieben eines Regisseurs zu kennen, kann wichtig sein, wenn sich später die berufliche Verantwortung ändert.
Django Unchained stellt ganz andere Anforderungen. Die Reise führt durch verschiedene Orte und Etappen einer Lehr- und Lernbeziehung, bevor sie sich auf Candyland konzentriert. Der Schnitt muss diesen Wandel nachvollziehbar machen, ohne jeder Station dieselbe Dauer einzuräumen. Die Freundschaft zwischen Django und Schultz wächst durch die Erlebnisse, die sie miteinander teilen, während die Infiltration ein verlangsamtes Gespür für die Gefahr erfordert. Der Leitfaden zu Django Unchainedhilft dabei, diesen Wechsel innerhalb des gesamten Abenteuers einzuordnen.
Drei Filme, drei Arten, mit Zeit umzugehen
In Django muss das Publikum erkennen, wann ein Gespräch ein taktisches Manöver ist und wann es die Möglichkeit zu verhandeln endgültig zunichtemacht. Blicke zählen ebenso viel wie Worte. Ein zu schneller Schnitt würde den Moment verkürzen, in dem wir wahrnehmen, dass eine Figur misstrauisch wird. Würde man ihn wahllos in die Länge ziehen, wäre der Verdacht schon zu früh Gewissheit. Die Spannung entsteht dadurch, dass sich die Erkenntnis nach und nach abzeichnet – nicht dadurch, dass alle Szenen schneller werden.
The Hateful Eight kehrt das Verhältnis von Reise und Eingeschlossensein um. Sobald die Figuren zusammenkommen, wandert die Aufmerksamkeit zwischen den Positionen in einem Raum hin und her. Der Schnitt kann daran erinnern, dass jemand im Hintergrund bleibt, uns einer Reaktion näherbringen oder einen Redeanteil länger stehen lassen, als es angenehm wäre. Die Dauer lässt das erzwungene Zusammenleben spürbar werden. Jeder Schnitt entscheidet außerdem, wer ein Gespräch scheinbar beherrscht und wer vorübergehend außen vor bleibt.
Die rückblickende Struktur bringt eine zusätzliche Herausforderung beim Umgang mit Informationen mit sich. Wenn wir denselben Raum mit neuen Personen erneut sehen, verändert das unsere Deutung des zuvor Gesehenen. Die zeitliche Wiederholung muss genügend Orientierungspunkte bewahren und zugleich neue Informationen einführen. Raskins Arbeit trägt zu dieser Klarheit bei. Es wäre jedoch nicht zutreffend, ihm die Struktur allein zuzuschreiben, denn sie ist auch Teil des Drehbuchs und der Inszenierung.
Hollywood lässt Pausen anderer Art zu. Autofahren, Radiohören oder einen Film ansehen nimmt Zeit in Anspruch, die eine rein funktionale Erzählweise verkürzen könnte. Hier hilft diese Zeit dabei, die Beziehung der Figuren zur Stadt kennenzulernen. Rick, Cliff und Sharon erleben unterschiedliche Tage, und der Schnitt ermöglicht den Wechsel von einer Person zur anderen, ohne ihre Erlebnisse zwangsläufig als gleichzeitig darzustellen. Dass sie sich geografisch nahe sind, bedeutet nicht, dass sie dieselben Erfahrungen machen oder über dieselben Informationen verfügen.
Kontinuität ohne mechanische Nachahmung
Die Bezeichnung „Abgesang“ kann bestimmte Effekte in Hollywood beschreiben, insbesondere Ricks Unruhe angesichts einer sich wandelnden Filmindustrie. Sie erklärt Raskins Arbeit in dieser gesamten Phase jedoch nicht. Django erzählt vom Aufbruch in die Freiheit, während The Hateful Eight von Misstrauen und Bestrafung geprägt ist. Würde man beiden dasselbe melancholische Tempo zuschreiben, gingen grundlegende Unterschiede in Rhythmus, Schluss und Zuschauerperspektive verloren.
Die Kontinuität zu Menkes Arbeit zeigt sich am ehesten in der gemeinsamen Aufmerksamkeit für die Schauspielleistungen, Unterbrechungen und Tonwechsel. Auf einen komischen Moment kann eine Bedrohung folgen, ohne dass der Schnitt den Übergang feierlich ankündigt. Eine lange Szene kann die Spannung halten, weil sich die Beziehungen zwischen den Sprechenden verändern. Dafür braucht es präzise Entscheidungen, auch wenn es von außen oft schwer zu sagen ist, wer im Einzelnen dafür verantwortlich war.
Anhand von der Montage der drei Zeitebenen in Hollywoodlässt sich eine konkrete Herausforderung dieser Zusammenarbeit nachvollziehen. Raskins Porträt zeigt, wer die Aufgabe übernahm und welche berufliche Erfahrung er mitbrachte. Sein Beitrag besteht darin, verschiedenartigem Material Form zu geben – mit dem Gespür dafür, wann es sich lohnt, bei einer Figur zu verweilen, wann die Aufmerksamkeit wechseln sollte und wann eine neue Information das gerade Gesehene in einem anderen Licht erscheinen lässt.
Weitere Informationen: Tarantinos Filmcrew.
