Fred Raskin und der Hollywood-Schnitt: drei Leben in einem gemeinsamen Kalender

Once Upon a Time in Hollywood begleitet drei Hauptfiguren, ohne aus ihnen drei voneinander unabhängige Epochen zu machen. Fred Raskin lenkt die Aufmerksamkeit zwischen ihnen hin und her und lässt der Zeit den nötigen Raum, damit ein Tag zunächst als erlebt und erst später als historisch bedeutsam wahrgenommen werden kann.

Drei Figuren, keine getrennten Zeitlinien

Der Schnitt von Once Upon a Time in Hollywood wechselt zwischen den Erlebnissen von Rick Dalton, Cliff Booth und Sharon Tate innerhalb eines gemeinsamen Zeitrahmens. Die Handlung konzentriert sich auf Tage im Februar und die Nacht im August 1969; Erinnerungen und audiovisuelles Material unterbrechen oder erweitern diese Gegenwart. Von drei unabhängigen Zeitlinien zu sprechen, kann in die Irre führen: Vor allem werden unterschiedliche Blickpunkte auf Leben verteilt, die parallel verlaufen.

Durch diese Anordnung kann mit einem Figurenwechsel auch die Art der Tätigkeit wechseln. Rick arbeitet vielleicht, Cliff ist in der Stadt unterwegs und Sharon genießt einen Ausflug. Der Schnitt muss nicht in jedem Fall einen unmittelbaren Kausalzusammenhang zwischen den Handlungen herstellen. Er kann ein Nebeneinander zeigen: Während eine Person mit einer beruflichen Schwierigkeit konfrontiert ist, verbringt eine andere ihre Zeit auf eine Weise, die von diesem Problem nichts ahnt.

So lernt das Publikum, sich durch den Tag zu bewegen, ohne zu erwarten, dass jede Szene auf einen einzigen Zwischenfall zusteuert. Der Schnitt gibt alltäglichen Tätigkeiten einen Wert, die später Teil der emotionalen Erinnerung an den Film werden. Autofahren, warten, einen Film ansehen oder ein Tier füttern sind nicht allein deshalb bedeutungslose Unterbrechungen, weil sie keinen zentralen Konflikt lösen. Ihre Dauer macht erfahrbar, welches Leben später bedroht oder verändert werden könnte.

Erinnerungen an Ricks Karriere und Bilder aus seinen Arbeiten fügen eine weitere Ebene hinzu. Ein Ausschnitt kann als Beispiel für eine Rolle dienen, an eine frühere Episode erinnern oder Material zeigen, das sich die Figuren gerade ansehen. Der Schnitt muss diese Zusammenhänge hinreichend präzise verdeutlichen, kann eine Erklärung aber auch kurz hinauszögern, damit das Publikum zuerst die Szene erlebt und erst danach erkennt, dass sie eine Darstellung ist.

Eine Szene stehen lassen und entscheiden, wann man sie verlässt

Der Drehtag von Rick Dalton bei Lancer verlangt, dass das Publikum Anstrengung und Erholung wahrnimmt. Würde der Schnitt die Dreharbeiten auf eine Abfolge von Höhepunkten verkürzen, ginge ein Teil der Schwere seiner Schwierigkeiten verloren. Bei einer Darbietung zu verweilen, lässt uns Zögern bemerken, Dialoge hören und verstehen, warum eine bessere Aufnahme emotional so viel bewirken kann. Die Dauer macht die Arbeit zu einem Erlebnis, statt nur über ihr Ergebnis zu informieren.

Der Kinobesuch von Sharon Tate schafft eine andere Art des Verweilens. Ihre Reaktion auf die Resonanz des Publikums braucht Raum, um beobachtet werden zu können. Der Schnitt verbindet die Schauspielerin im Kinosaal mit den projizierten Bildern und den Zuschauerinnen und Zuschauern, die nicht unbedingt wissen, wer in ihrer Nähe sitzt. Dieses Wechselspiel der Blicke schafft eine Form intimer Anerkennung, die sich kaum allein mit einem erklärenden Satz ausdrücken ließe.

Bei Cliff Booth verändert der Besuch auf der Ranch die Wahrnehmung der Zeit. Schritte, Fragen und Türen verzögern eine Antwort, die dringend zu sein scheint. Fred Raskin erklärte gegenüber postPerspective, dass er mithilfe der Sound-Editoren Wylie Stateman und Leo Marcil durch Geräusche und tiefe Töne ein Gefühl der Unruhe erzeugen wollte. Die Sequenz zeigt, dass das Tempo des Schnitts nicht allein von der Häufigkeit der Schnitte abhängt: Es entsteht auch durch das, was zu hören ist, während ein Bild stehen bleibt.

Der Ton lässt eine Bedrohung bestehen, ohne jede Einstellung zu einem offensichtlichen Vorzeichen der Gefahr zu machen. Ein knarrendes Stück Holz oder ein tiefes Dröhnen kann die Wahrnehmung des Wartens verändern. Der Fernseher bringt eine alltägliche Geräuschquelle in diese Atmosphäre. Schnitt und Mischung bewahren die Ungewissheit, weil der Besucher nicht über alle Informationen verfügt und das Publikum seine Nachforschungen begleiten muss, bevor klar wird, ob sie berechtigt waren.

In der Nacht kommt zusammen, was der Tag getrennt hat

Der Sprung in den August verändert das Verhältnis zwischen Alltag und Geschichte. Die Erzählung führt Veränderungen ein, die sich in den dazwischenliegenden Monaten ereignet haben, und bringt die Figuren in eine vertraute Stadt zurück. Der Schnitt kann einen langen Zeitraum zusammenfassen und anschließend wieder bei kleinen Handlungen verweilen. Durch diesen Wechsel des zeitlichen Maßstabs erscheint die letzte Nacht als eine sehr konkrete Gegenwart, obwohl sie von allem geprägt ist, was außerhalb des Bildes geschehen ist.

Der Wechsel zwischen den Handlungssträngen erzeugt nun einen anderen Druck. Wer das Datum kennt, erkennt die Gefahr und ahnt sie voraus, anders als die Figuren. Schnitte zwischen Häusern, Autos und häuslichen Tätigkeiten können Angst erzeugen, ohne dass jede Handlung eine sichtbare Bedrohung enthält. Das Gleichzeitige gewinnt an Bedeutung, weil wir wissen, dass die Schauplätze miteinander verbunden sein könnten. Der Film nutzt die zuvor aufgebaute Vertrautheit mit der Geografie, damit diese Möglichkeit verständlich wird.

Wenn die Gewalt ausbricht, muss der Schnitt auch im Chaos die Orientierung bewahren. Das Publikum muss erkennen können, wer sich drinnen befindet, wer draußen bleibt und wie eine Handlung die Grenzen des Hauses überschreitet. Die Kameraarbeitgibt Positionen und Bewegungsabläufe vor; der Schnitt entscheidet, wann er zu den einzelnen Bereichen zurückkehrt. Die Wirkung der Szene hängt von diesem Zusammenspiel ab, denn die körperliche Überzeichnung würde einen Teil ihrer Wirkung verlieren, wenn sich die Ortswechsel nicht nachvollziehen ließen.

Die Arbeit von Fred Raskin mündet nach der Auseinandersetzung in einen veränderten Atemrhythmus. Der Film kann zu einem Gespräch und einer Einladung zurückkehren, die die Bedeutung der Nachbarschaft verändern. Die Zeit fühlt sich wieder offen an, obwohl sie auf ein historisch unausweichliches Ende zuzusteuern schien. Der Schnitt hat uns zunächst die Alltagsroutinen erleben und dann um sie bangen lassen; indem er den Überlebenden erneut Zeit einräumt, verwandelt er die letzte Nacht in eine Möglichkeit, die der reale Kalender nicht bot.

Mehr Hintergrund in unserem Guide zu Once Upon a Time in Hollywood.