Avary und Tarantino teilten Gespräche im Videoladen, erzählerisches Material und einen Oscar. Zu ihrer Beziehung gehören auch eigenständige Karrieren.
Roger Avary und Quentin Tarantino erhielten bei der Oscarverleihung 1995 gemeinsam den Oscar für das beste Originaldrehbuch für Pulp Fiction. Die Nennung unterscheidet zwischen Tarantinos Drehbuch und den Geschichten von Tarantino und Avary. Diese Formulierung ist wichtig: Sie würdigt einen gemeinsamen Beitrag zum erzählerischen Material, ohne zu behaupten, beide hätten jede Szene in gleichem Umfang verfasst. Ebenso wenig lässt sich Avary aus der Urheberschaft ausblenden, nur weil Tarantino den Film inszenierte und zu seinem bekanntesten öffentlichen Gesicht wurde.
Ihre Beziehung hatte im Umfeld von Video Archives begonnen, dem Videoladen in Manhattan Beach, in dem beide arbeiteten. Jahre später griffen sie den Namen für einen gemeinsamen Podcast wieder auf. Zwischen diesen beiden Zeitpunkten entwickelten sie eigene Filme und Karrieren. Spätere Zusammenarbeiten lassen es nicht zu, ihre Geschichte als endgültigen und durchgängigen Bruch zu erzählen – auch wenn über Phasen der Distanz und Meinungsverschiedenheiten berichtet wurde.
Video Archives: eine Beziehung, geprägt von Gesprächen und Arbeit
Der Videoladen bot Menschen, die Filme sahen, empfahlen und diskutierten, einen Ort der Begegnung. Diese Erfahrung hilft, eine durch Vergleiche und Begeisterung geprägte Filmkultur zu verstehen, ist aber nicht mit einer geregelten akademischen Ausbildung gleichzusetzen. Ebenso macht sie nicht alle Beschäftigten des Ladens zu einer Gruppe von Drehbuchautoren, die an jedem später daraus hervorgegangenen Projekt gemeinsam Urheberrechte hätten.
Die Zusammenarbeit zwischen Avary und Tarantino muss anhand konkreter Materialien und Credits belegt werden. Gemeinsame Vorlieben können kreative Gespräche fördern, doch ein informeller Einfluss ist nicht dasselbe wie das Schreiben einer Geschichte, die in einen Film eingeht. Der Werdegang von Video Archives als Videoladenhilft dabei, den Ort und seine Geschichte einzuordnen; bei Avarys Porträt lohnt es sich, den Schritt vom cineastischen Gespräch zu einem professionell anerkannten Beitrag genauer zu betrachten.
Dieser Übergang verändert auch die Art der Entscheidungen. Eine Empfehlung über den Ladentresen kann von der Begeisterung für eine Szene getragen sein; ein Drehbuch muss Figuren, Konsequenzen und Dauer strukturieren. Viele Filme zu kennen, liefert Möglichkeiten, legt aber nicht fest, wie sie sich miteinander verbinden lassen. Pulp Fiction zeigt einen Gestaltungsprozess, in dem unterschiedliche Materialien zu einem Werk mit zeitlichen und thematischen Beziehungen zusammenfinden, die über den isolierten Ursprung jeder einzelnen Geschichte hinausgehen.
Pulp Fiction: Geschichten, Drehbuch und Anerkennung
Tarantino würdigte in Interviews Avarys Beitrag zu dem Material über den Boxer, das schließlich in „Die goldene Uhr“ aufgenommen wurde. Die vorsichtige Formulierung unterscheidet zwischen dem Ursprung einer Handlungslinie und ihrer endgültigen Fassung im Film. Ein Material zu übernehmen bedeutet, es so umzuarbeiten, dass es mit Figuren und Ereignissen aus anderen Teilen des Gesamtwerks zusammenpasst.
Butchs Geschichte lässt sich als Wechsel der Maßstäbe innerhalb von Pulp Fiction lesen. Der Boxer versucht, einem kriminellen Abkommen zu entkommen, doch ein Familienerbstück verändert seinen Weg. Diese persönliche Entscheidung führt ihn zurück an einen gefährlichen Ort und bringt ihn schließlich auf andere Weise mit Marsellus Wallace in Verbindung. Der Wert des Gegenstands hängt nicht allein von seinem Preis ab: Die Erzählung versieht ihn mit Erinnerungen und Verpflichtungen sowie mit einer besonderen Vorstellung davon, was es wert ist, zurückgeholt zu werden.
Durch die Verknüpfung dieser Geschichte mit den anderen entstehen Wirkungen, die es in einem eigenständigen Werk nicht auf dieselbe Weise gäbe. Eine Figur, die in einer Geschichte als Bedrohung erscheint, kann eine andere Rolle einnehmen, wenn sich der Blickwinkel ändert. Die Struktur ermöglicht es dem Publikum, manche Dinge vor den Hauptfiguren zu erfahren und andere erst später zu entdecken. Avarys Beitrag anzuerkennen, bedeutet nicht, den Film in abgeschlossene Bereiche aufzuteilen, die einander niemals verändern.
Der Pulp-Fiction-Guide erläutert, wie das Gesamtwerk funktioniert. Hier ist es entscheidend, die Angaben der Academy präzise wiederzugeben: Der Preis wurde gemeinsam verliehen, und die veröffentlichte Nennung unterscheidet zwischen Drehbuch und Geschichten. Die Oscars für Tarantinos Drehbücher gehören zu einer Geschichte der Auszeichnungen, in der seine Mitwirkenden nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Ein Preis, der zwei Personen verliehen wird, belegt für sich genommen weder eine bestimmte Schreibmethode noch eine mathematisch genaue Aufteilung der Arbeit.
Eigene Karrieren und eine Zusammenarbeit, die wieder auflebt
Avary führte bei Filmen wie Killing Zoe und Die Regeln des Spiels Regie. Diese Filmografie macht ihn als Filmemacher mit eigenen Interessen sichtbar, statt seine gesamte Arbeit über seine Nähe oder Distanz zu Tarantino zu definieren. Auch die berufliche Eigenständigkeit der beiden sollte nicht automatisch als Feindschaft beschrieben werden. An getrennten Projekten zu arbeiten, ist eine beobachtbare Tatsache; die persönlichen Gründe dafür bedürfen einer konkreten Dokumentation.
Berichte über eine Entfremdung erfordern besondere Vorsicht, wenn sie Erinnerungen aus verschiedenen Zeiten vermischen. Eine Aussage über einen bestimmten Moment erklärt nicht notwendigerweise eine Beziehung über Jahrzehnte hinweg. Auch aus den Credits lassen sich keine privaten Gespräche rekonstruieren. Die gemeinsame Beteiligung an The Video Archives Podcast ist ein öffentlicher Beleg für eine spätere Zusammenarbeit, rechtfertigt aber nicht, eine Versöhnung mit Datum, Gründen und Gesten zu erfinden, die die Beteiligten nicht bestätigt haben.
Die von SiriusXM 2022 veröffentlichte Ankündigung stellte die Sendung mit beiden als Gesprächspartnern vor. Der Name griff ihre gemeinsame Erfahrung auf und übertrug sie auf ein anderes Medium. The Video Archives Podcastermöglicht es, dieses Projekt zu verfolgen, ohne es mit dem historischen Videoladen zu verwechseln. Vor einem Mikrofon über Filme zu sprechen, hat zwar Ähnlichkeit damit, Filme zu empfehlen, doch Publikum, Produktion und Hörbedingungen sind andere.
Die Beziehung zwischen Avary und Tarantino lässt sich am besten als Zusammenarbeit mit verschiedenen Phasen, Credits und Formen verstehen. Der Videoladen ist ein gemeinsamer Ausgangspunkt; Pulp Fiction dokumentiert einen ausgezeichneten erzählerischen Beitrag; ihre späteren Karrieren zeigen ihre Eigenständigkeit; der Podcast bestätigt einen neuen Raum für öffentliche Gespräche. Wer diese Unterschiede wahrt, kann Avary würdigen, ohne ihn auf eine Randnotiz in der Biografie eines anderen Regisseurs zu reduzieren oder ihre gemeinsame Geschichte zum Mythos einer dauerhaften Freundschaft oder Rivalität zu verklären.
Weitere Informationen: Tarantinos kreative Partner und Produzenten.
