Joe Cabot fragt Mr. White nach Alabama. Die Antwort deutet auf eine gemeinsame Vergangenheit hin, belegt aber weder eine Vaterschaft noch erlaubt sie es, die beiden Filme vorbehaltlos zu einer fortlaufenden Biografie zusammenzufügen.
Die Frage, die eine frühere Geschichte eröffnet
In Reservoir Dogs fragt Joe Cabot Mr. White nach Alabama. Larry antwortet, dass sie sich seit ungefähr anderthalb Jahren nicht mehr gesehen haben und eine Zeit lang zusammengearbeitet haben. Im Dialog heißt es außerdem, dass sie mehrere Überfälle verübt haben, bevor sie getrennte Wege gingen. Diese Information etabliert innerhalb der Welt der Figur eine frühere Partnerschaft, ohne dass sie in einem Rückblick gezeigt werden muss.
Das Gespräch findet bei dem Treffen statt, bei dem Joe den Diamantenraub vorschlägt. Die Rede von früheren Komplizen hilft dabei, Mr. Whiteals erfahrenen Kriminellen mit früheren Beziehungen einzuordnen. Er betritt diese Welt nicht gerade erst: Joe kennt Teile seiner Vergangenheit und kann nach Personen fragen, die beide ohne weitere Erklärung einordnen können.
Alabama ist auch der Name der Hauptfigur in True Romance, gespielt von Patricia Arquette. Tony Scotts Film basiert auf einem Drehbuch von Tarantino, sodass die Namensgleichheit einen klaren Entstehungskontext hat. Die Anspielung lädt dazu ein, beide Geschichten miteinander in Verbindung zu bringen, doch der in Reservoir Dogs genannte Name wird nicht durch eine ausführliche Darstellung von Identität und Chronologie ergänzt.
Was sich aus dem Dialog schließen lässt
Am sichersten ist die berufliche Information: Mr. White sagt, dass sie ein Team bildeten und gemeinsam Aufträge erledigten. Das Gespräch enthält außerdem eine Anspielung auf die Schwierigkeiten, eine Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau aufrechtzuerhalten. Dieser Satz kann eine persönliche Ebene andeuten, definiert aber weder eine romantische Beziehung eindeutig noch liefert er eine gemeinsame Beziehungsgeschichte, die sich als unumstößliche Tatsache erzählen ließe.
Auch eine Vaterschaft wird nicht behauptet. Larry als Alabamas leiblichen Vater darzustellen, geht über die verfügbaren Informationen hinaus. Im Dialog geht es um Zusammenarbeit und Trennung, nicht um eine Eltern-Kind-Beziehung. Eine Figur kann eine andere kennen, beschützen oder mit ihr gearbeitet haben, ohne dass dadurch eine Verwandtschaft begründet wird.
Die Erwähnung eines neuen Komplizen von Alabama verstärkt den Eindruck eines kriminellen Milieus, das auch außerhalb des Films weiterbesteht. Dramaturgisch liegt der Nutzen darin, dieses Kontaktnetzwerk anzudeuten. Daraus folgt nicht, dass man den Inhalt der früheren Überfälle, ihre Opfer oder die Tatorte erfinden müsste. Das Gespräch greift einige wenige Informationen heraus und lässt den Rest außerhalb des Bildes.
Die Anspielung und mögliche Schlussfolgerungen
True Romance und Reservoir Dogs sind unterschiedliche Filme, die von verschiedenen Regisseuren gedreht wurden und eigene erzählerische Schwerpunkte haben. Alabamas Geschichte mit Clarence muss nicht zwangsläufig zu Larry führen. Wer versucht, jedes Detail so zusammenzufügen, als gäbe es eine offizielle Chronologie, kann die Unterschiede zwischen einem Ausgangstext, seinen Fassungen und dem veröffentlichten Film aus dem Blick verlieren.
Am besten funktioniert die Anspielung als Spur einer gemeinsamen Vorstellungskraft, die in den Drehbüchern zum Ausdruck kommt. Tarantino verwendet einen Namen, um anzudeuten, dass Mr. White schon vor der Geschichte, die wir sehen, andere Erlebnisse hatte. Wer Alabama erkennt, nimmt eine zusätzliche Resonanz wahr; wer sie nicht erkennt, versteht trotzdem, dass Larry und Joe eine gemeinsame Vergangenheit voller Aufträge und Kontakte haben.
In Reservoir Dogssteht diese Vergangenheit im Kontrast zur Anonymitätsregel, die der Bande auferlegt wird. Die Decknamen sollen persönliche Informationen auf ein Minimum reduzieren, doch frühere Beziehungen und Vertrauen durchkreuzen diese Vorsichtsmaßnahme immer wieder. Die Erwähnung Alabamas trägt dazu bei zu zeigen, dass niemand völlig losgelöst von seiner Vergangenheit ankommt.
Im Rahmen von Tarantinos beiden Universensollte man die Verbindung mit ihren Einschränkungen beschreiben: ein Dialog über eine Komplizin namens Alabama und eine erkennbare Anspielung auf ein anderes Drehbuch. Die Szene liefert weder einen Stammbaum noch eine vollständige verborgene Fortsetzung. Ihre Stärke liegt darin, für einige Augenblicke ein früheres Leben anklingen zu lassen, das die Haupthandlung nicht weiter ausführen muss.
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