Tarantinos Chronologie: Handlungsdaten und veränderte Vergangenheiten

Die Filme nach ihrer Zeit einzuordnen, macht ihre unterschiedlichen Erzählweisen sichtbar. Aus dieser Reihenfolge eine universelle Geschichte abzuleiten, erfordert mehr Belege als eine wiederkehrende Marke oder zwei Figuren mit demselben Nachnamen.

Vom sklavenhaltenden Süden in den Westen nach dem Krieg

Django Unchained beginnt im Jahr 1858. Damit findet die Begegnung zwischen Django und Schultz vor dem Sezessionskrieg statt – in einer Gesellschaft, in der die Sklaverei Eigentum, Arbeit und Gewalt bestimmt. Das Datum ist wichtig, weil es die Beschränkungen festlegt, mit denen die Hauptfiguren konfrontiert sind: Versklavte Menschen werden von einer Ordnung, die der Film aus der Perspektive eines individuellen Befreiungsabenteuers darstellt, wie Waren behandelt. Das Ende des Films ist nicht gleichbedeutend mit der landesweiten Abschaffung dieses Systems.

Die Zerstörung von Candyland verändert das Leben von Django und Broomhilda und beendet einen konkreten Ausbeutungskomplex. Sie beweist weder, dass alle Bundesstaaten ihre Gesetze geändert haben, noch, dass der spätere Krieg ausbleibt. Die Unterscheidung zwischen einem persönlichen Sieg und einem allgemeinen historischen Wandel ermöglicht es, die Erzählung einzuordnen, ohne Folgen zu erfinden. Der Guide zu Django Unchainedzeichnet diesen Weg nach; für eine Chronologie genügt es, die Handlung klar vor dem Bürgerkrieg einzuordnen.

The Hateful 8 spielt nach dem Krieg. Die Vorgeschichten von Warren, Mannix und Smithers sind von ihren jeweiligen Lagern sowie vom Fortbestehen des Rassismus und alter Ressentiments geprägt. Um diese relative Position festzulegen, braucht der Film kein einzelnes Jahr, das so genau angegeben wird wie die Jahreszahl bei Django. Die Einordnung in die Nachkriegszeit ist solider, als ein genaues Datum festzulegen und es anschließend als Grundlage für vermeintliche Verwandtschaftsverhältnisse oder Begegnungen zu verwenden.

Es gibt auch keine belegte Verbindung zwischen Django und der Bande der Domergues. Dass beide Erzählungen Revolverhelden, Kopfgelder und organisierte Gewalt aufgreifen, gehört zum Repertoire des Westerns. Jody Domergueist Teil des Konflikts um Minnie und des Versuchs, Daisy zu retten; ihre Taten belegen keine Verbindung zu Candyland. In einer Chronologie können die Geschichten im selben Jahrhundert spielen, ohne dass ihre Figuren Mitglieder desselben Verbrechernetzwerks werden.

Der Weltkrieg und der Sommer 1969

Inglourious Basterds beginnt mit seinem ersten Kapitel im besetzten Frankreich des Jahres 1941. Später verlagert sich die Handlung zu einem Filmpremierenprojekt, das Nazi-Führungsfiguren in Paris versammelt. Der Film nutzt den Kontext des Zweiten Weltkriegs, um eine fiktive Operation zu erzählen, deren Ausgang von den historischen Ereignissen abweicht. Die entscheidende Veränderung besteht nicht darin, dass erfundene Soldaten vorkommen – das ist im Kriegsfilm üblich –, sondern im Schicksal realer Persönlichkeiten.

Das Ende von Inglourious Basterdsmacht ein Kino zum Schauplatz dieser Abweichung. Von da an lässt sich von einer alternativen Geschichte innerhalb des Films sprechen. Etwas anderes ist die Behauptung, diese Veränderung erkläre automatisch die Kultur oder das Verhalten von Figuren aus Pulp Fiction. Der Film zeigt die dazwischenliegenden Jahrzehnte nicht und stellt keine Kette gesellschaftlicher Auswirkungen her, die bis zu Vincent Vega oder Marsellus Wallace reicht.

Once Upon a Time in Hollywood spielt hauptsächlich im Jahr 1969 und führt das Publikum in die Nacht vom 8. auf den 9. August. Das Wissen um den Mord an Sharon Tate und ihren Begleitern weckt Erwartungen, die das Ende verändert. Die fiktiven Tage von Rick Dalton und Cliff Booth spielen sich neben bekannten Persönlichkeiten, Straßen und Fernsehsendungen ab. Diese Mischung bereitet den Moment vor, in dem das Märchen einen anderen Verlauf nimmt.

Der Guide zu Once Upon a Time in Hollywoodbegleitet die Hauptfiguren, ohne sie auf dieses Datum zu reduzieren. Für die Chronologie ist entscheidend, den gemeinsamen Kalender mit unserer Geschichte vom imaginierten Ausgang zu unterscheiden. Tates Überleben in der Erzählung beweist nicht, dass eine spätere Figur einen Film gesehen hat, in dem sie mitgespielt hätte, und erlaubt es auch nicht, eine nicht existente zukünftige Karriere nachzuzeichnen. Der Kontrast zwischen dem Ende und den historischen Ereignissenbewahrt genau diese Grenze.

Zeitgenössische Zeitangaben und eine selektive Kontinuität

Reservoir Dogs, Pulp Fiction und Jackie Brown zeigen ein Umfeld, das der Zeit ihrer Produktion entspricht. Ihre Erscheinungsjahre dürfen jedoch nicht automatisch mit dem genauen Zeitpunkt ihrer Handlung gleichgesetzt werden. Fahrzeuge, Musik, Kleidung und kulturelle Anspielungen helfen dabei, sie ungefähr zeitlich einzuordnen. Jedes Indiz hat eine andere Aussagekraft: Ein altes Lied kann viele Jahre nach seiner Veröffentlichung gespielt werden, und ein Auto kann jahrzehntelang unterwegs sein.

Kill Bill verbindet eine Gegenwart, in der es um Rache geht, mit früheren Ereignissen, darunter dem Angriff auf die Kapelle und dem Training. Die Zeitsprünge erklären, wie viel Zeit zwischen bestimmten Erlebnissen liegt, machen die Filme aber nicht zu einem allgemeinen Protokoll der übrigen Werke. Auch Death Proof teilt seine Handlung auf verschiedene Gruppen und Schauplätze auf, doch daraus ergibt sich für sich genommen keine chronologische Verbindung zu den Hollywood-Stuntleuten von 1969.

Die Unterscheidung zwischen Tarantinos zwei Universenführt außerdem unterschiedliche Fiktionsebenen ein. Der Regisseur hat eine Welt mit Figuren und eine weitere mit Filmen beschrieben, die diese Figuren sehen könnten. Diese Idee macht es möglich, Gemeinsamkeiten zu erkennen, ohne zu verlangen, dass alle Ereignisse in derselben Realität stattfinden. Eine chronologische Reihenfolge für die Sichtung ist ein Hilfsmittel für das Publikum; sie bestätigt nicht, dass jedes Werk einen festen Platz in einer abgeschlossenen Filmreihe einnimmt.

Wiederkehrende Marken und ausdrücklich genannte Verwandtschaftsverhältnisse bieten einzelne Verbindungspunkte, aber keine Erlaubnis, sämtliche Lücken zu füllen. Eine hilfreiche Chronologie hält sich an ausdrückliche Angaben, ordnet ungefähre Zeiträume mit Bedacht ein und kennzeichnet historische Abweichungen dort, wo sie auftreten. So lassen sich 1858, die Zeit der Nazi-Besatzung und 1969 vergleichen, ohne jeden fiktiven Sieg zur geheimen Ursache des nächsten Films zu erklären. Interessant ist, wie sich der Umgang mit der Vergangenheit verändert – nicht, welche Jahre die Filme auslassen.

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