Pulp Fiction in Cannes 1994: Wie es zur Goldenen Palme kam

Pulp Fiction gewann 1994 die Goldene Palme der Internationalen Filmfestspiele von Cannes. Die Entscheidung traf die Wettbewerbsjury für Spielfilme unter dem Vorsitz von Clint Eastwood. Sie fiel vor dem US-amerikanischen Kinostart des Films.

Eine Juryentscheidung aus dem Jahr 1994

Das Archiv der Filmfestspiele von Cannes führt Pulp Fiction als Gewinner der Goldenen Palme von 1994. Das ist das Jahr der Auszeichnung, auch wenn sich der weitere Weg des Films bei den Oscars und anderen Preisverleihungen bis 1995 erstreckte. Die chronologische Unterscheidung vermeidet einen häufigen Fehler: das Jahr der US-amerikanischen Preisverleihungssaison auf eine Entscheidung zu übertragen, die Monate zuvor in Frankreich getroffen wurde.

Clint Eastwood führte den Vorsitz der Jury. Das ist ein relevantes Detail, macht die Goldene Palme aber nicht zu einer persönlichen Entscheidung, die allein ihm zugeschrieben werden kann. Das Festival setzt eine Jury ein, die die ausgewählten Wettbewerbsfilme bewertet. Ohne Dokumentation der Beratungen wäre es nicht korrekt, zu erfinden, welches Argument die einzelnen Mitglieder überzeugte, eine geheime Abstimmung zu rekonstruieren oder zu behaupten, alle hätten den Film exakt gleich interpretiert.

Die Verbindung zwischen Eastwood und Tarantino ist wegen ihrer Bezüge zum Genrekino reizvoll. Diese mögliche Affinität belegt jedoch nicht den Grund für die Auszeichnung. Ein Juryvorsitzender kann einen Film aus vielen Gründen schätzen, und das gemeinsame Ergebnis ist keine detaillierte Absichtserklärung. Gesichert ist, wer den Vorsitz führte, welcher Film gewann und bei welcher Ausgabe des Festivals dies geschah.

Pulp Fiction im internationalen Wettbewerb

Der Wettbewerb von 1994 beschränkte sich nicht auf einen Gegensatz zwischen einem populären US-amerikanischen Film und einem einheitlichen Block europäischen Kinos. Im Wettbewerb waren Werke von Filmschaffenden wie Krzysztof Kieślowski, Abbas Kiarostami, Zhang Yimou, Nanni Moretti und den Brüdern Coen vertreten. Die Vielfalt der Herkunftsländer und Ansätze hilft dabei, die Goldene Palme im Kontext einer Begegnung unterschiedlicher Filmtraditionen zu betrachten.

Auch die weiteren Preise wurden auf verschiedene Kategorien verteilt. Caro diario erhielt den Regiepreis für Nanni Moretti; Zhang Yimous Leben! und Nikita Michalkows Die Sonne, die uns täuscht teilten sich den Großen Preis der Jury. Patrice Chéreaus Die Bartholomäusnacht erhielt den Preis der Jury. Diese Ergebnisse sind keine lückenlose Rangliste aller Filme: Jede Auszeichnung steht für eine eigene Ehrung des Festivals.

Mit dem Sieg von Pulp Fiction rückte die Mischung aus Kriminalgeschichte, Humor und fragmentarischer Erzählweise ins Zentrum dieser Festivalausgabe. Der Film konnte mit der Tradition des Autorenkinos in Dialog treten, ohne auf populäre Bezüge oder eine mit Unterhaltung verbundene Energie zu verzichten. Diese Verbindung macht das kritische Interesse an der Auszeichnung verständlich. Daraus folgt nicht, dass Cannes vor 1994 das US-amerikanische Kino oder Genrefilme völlig ignoriert hätte.

Der Pulp-Fiction-Führerbeleuchtet die Figuren und die Struktur des Films. Für die Geschichte von Cannes ist entscheidend, dass der Film als konkreter Beitrag eines Regisseurs ins Festival kam, dessen Filmkarriere noch kurz war, und den höchsten Preis des Spielfilmwettbewerbs erhielt. Die Auszeichnung gehört zu diesem Abschnitt seiner Laufbahn und ist keine rückblickende Würdigung seines gesamten späteren Werks.

Festivalprestige und kommerzieller Erfolg

Die Goldene Palme verlieh dem Filmstart internationales Prestige. Ein Preis aus Cannes kann auf Plakaten, in Nachrichten und in der Filmkritik aufgegriffen werden und Zuschauerinnen und Zuschauern in verschiedenen Ländern einen zusätzlichen Grund geben, aufmerksam zu werden. In diesem Fall stand die Anerkennung neben einem Film, der auch mit seinen Darstellern, seinem Humor und seiner Kriminalgeschichte beworben wurde. Auszeichnung und kommerzielles Angebot schlossen einander nicht aus.

Daraus folgt nicht, dass sich die gesamte spätere Rezeption auf eine einzige Preisverleihung zurückführen lässt. Verleih, Kritiken, Gespräche unter Zuschauerinnen und Zuschauern sowie die Anziehungskraft des Films prägten seinen weiteren Weg. Die Goldene Palme ist eine belegte Tatsache und ein sichtbarer Teil dieser Geschichte; sie als alleinige Ursache für jeden verkauften Kinogutschein auszugeben, wäre eine allzu einfache Erklärung. Tarantinos Verhältnis zum Independent-Kino der 1990er-Jahreerfordert einen breiteren Blick auf die Filmindustrie.

Der Preis ist außerdem vom Oscar für das Drehbuch zu unterscheiden, den Tarantino und Roger Avary 1995 erhielten. Cannes zeichnete den Film mit der Goldenen Palme aus, während die US-amerikanische Academy die für eine bestimmte Kategorie nominierten Autoren prämierte. Es handelt sich um Ergebnisse verschiedener Institutionen und Verfahren. Dass beide Auszeichnungen aufeinanderfolgten, zeigt den internationalen Erfolg des Films, bedeutet aber nicht, dass eine Jury die Entscheidung der anderen vorhergesehen oder herbeigeführt hätte.

2014 wurde die Erinnerung an jene Goldene Palme in Cannes wieder lebendig. Zum 20. Jubiläum nahm das Festival Pulp Fiction am 23. Mai ins Programm des Cinéma de la plage auf; Tarantino, John Travolta und Uma Thurman sollten anwesend sein. So kehrte der Film als Teil der Festivalgeschichte zurück – mit einer Jubiläumsvorführung, die sich vom Wettbewerb des Jahres 1994 unterschied.

Diese Rückkehr zeigt konkret, wie beständig die Verbindung war: Cannes blieb nicht auf das Bild einer Preisverleihung beschränkt, sondern brachte den Film erneut mit seinem Publikum zusammen. Die Vorführung am Strand verlagerte den Kontext von der Bewertung eines neuen Films hin zur Wiederbegegnung mit einem bekannten Werk. Sie fügte dem Palmarès keine zweite Goldene Palme hinzu, sondern feierte die erste und das weitere Leben des Films.

Siehe die Auszeichnungen von Quentin Tarantino.