Arlenes Tanz, die Butterfly genannt wird, verwandelt einen Scherz von Jungle Julia in eine unangenehme Begegnung mit Stuntman Mike. Wie sie dabei wirkt, hängt davon ab, welche Schnittfassung von Death Proof man sieht.
Ein Versprechen, das jemand anderes gegeben hat
Jungle Julia hat im Radio ein Spiel angekündigt, das ihre Freundin betrifft: Ein Mann, der sie als Butterfly erkennt und die Bedingungen der Widmung erfüllt, darf sie um einen Tanz bitten. Diese Ankündigung macht aus etwas Intimem eine gemeinsame Erwartung unter Fremden. Arlene hat weder eine professionelle Show organisiert noch ist sie auf der Suche nach Mike in die Bar gekommen. Als er sich als jemand ausgibt, der die Botschaft kennt, nutzt er eine Information, die eine andere Person verbreitet hat, um sich ihr zu nähern.
Die Szene folgt auf mehrere Begegnungen, bei denen der Mann und sein Auto bereits für Unruhe gesorgt haben. Diese Vorbereitung verhindert, dass man den Tanz als völlig losgelöste Unterbrechung versteht. Das Publikum kennt Hinweise, die sich im geselligen Gespräch noch überspielen lassen. Mike wirkt wie ein erfahrener Barbesucher mit Anekdoten aus der Filmwelt, doch sein Beharren und seine Art zu beobachten setzen seinen Vorschlag unter Druck. Das Unbehagen entsteht aus dem Gegensatz zwischen der scheinbar ausgelassenen Situation und dem, was wir bereits von ihm gesehen haben.
Arlene versucht, die Begegnung unter Kontrolle zu halten: Sie setzt Grenzen, reagiert auf ihn und entscheidet, wie sie sich vor ihren Freundinnen verhält. Vanessa Ferlitos Darstellung macht diese Aushandlung sichtbar. Sie auf ein hypnotisiertes Opfer zu reduzieren, würde ihren vorherigen Widerstand ausblenden; den Moment als völlig druckfreie Begegnung zu beschreiben, würde übersehen, wie Mike Spott und Herausforderung einsetzt, um seinen Willen durchzusetzen. Die Szene zeigt beides, ohne es gleichzusetzen.
Ihr Verhalten steht im Zusammenhang mit Arlenes Persönlichkeit als Butterfly, doch hier kommt es vor allem darauf an, wie sie sich in der Bar verhält. Ihr anfängliches Unbehagen und ihre spätere körperliche Selbstsicherheit müssen kein Widerspruch sein. Man kann sich entscheiden, eine Situation selbst in die Hand zu nehmen, obwohl man nicht alle ihre Bedingungen gewählt hat. Tarantino lässt diese Veränderungen sichtbar werden, bevor die spätere Gewalt die Wahrnehmung des Abends verändert.
Down in Mexico und die Verteilung der Blicke
Zum Tanz erklingt Down in Mexico von The Coasters. Der Song ist nicht mit Hold Tight! zu verwechseln, der zur späteren Autofahrt gehört, oder mit Chick Habit, der mit dem Abspann verbunden ist. Der Rhythmus von Down in Mexico trägt eine Szene, die um die Körperbewegungen und die Reaktion des sitzenden Mannes herum aufgebaut ist. Die Musik ist Teil der Situation in der Bar: Sie ist keine nachträglich von außen hinzugefügte verbale Erklärung.
Der Gegensatz zwischen Bewegung und Stillstand prägt die visuelle Beziehung. Butterfly tanzt und verändert den Abstand zwischen sich und Mike; er nimmt die Darbietung auf, schaut zu und wartet. Dadurch erhält er eine privilegierte Beobachterposition. Gleichzeitig gibt sie das unmittelbare Tempo der Nummer vor. Die Kamera macht aus der Begegnung ein Aushandeln von Aufmerksamkeit, bei dem die Entscheidungsmacht darüber, wie ein Körper gezeigt wird, mit dem Druck zusammenwirkt, der zu dieser Situation geführt hat.
Die Sequenz lässt sich als Einblick darin lesen, wie Stuntman Mike sich den Frauen gegenüber gibt. Seine Umgangsformen weisen noch nicht die offene Gewalt im Auto auf. Er stützt sich auf eine Mischung aus Vertrautheit, Provokation und scheinbarer Geduld. Der Tanz ermöglicht es ihm, bei einer Zusammenkunft, zu der er nicht gehört, weiterhin eine akzeptable Rolle einzunehmen, während das Publikum einen Verdacht mit sich trägt, den die anderen Figuren nicht im gleichen Maß teilen.
Um die musikalische Wirkung zu analysieren, muss man den Liedtext nicht wiedergeben. Gesang, Pausen und rhythmischer Schwung erzeugen eine spielerische Sinnlichkeit, die den bedrohlichen Ton komplizierter macht. Der Song erklärt Mike nicht für harmlos: Er schafft die Atmosphäre, in der seine Bedrohlichkeit vorübergehend getarnt werden kann. Mehr über den Zusammenhang zwischen den Songs und den jeweiligen Momenten erfährst du im Beitrag zur Musik von Death Proof.
Die fehlende und die wieder eingefügte Szene
In der Fassung von Death Proof, die in das Grindhouse-Double-Feature integriert ist, wird der Tanz durch den Kunstgriff einer fehlenden Filmrolle ausgelassen. Der Film verspricht eine Attraktion und erweckt den Eindruck, eine beschädigte Kopie habe sie verloren. Die erweiterte Fassung, die als eigenständiger Spielfilm veröffentlicht wurde, enthält die Nummer. Deshalb können sich zwei Zuschauer unterschiedlich an die Begegnung erinnern, ohne dass einer von ihnen die Filme verwechselt.
Die Auslassung bezieht das Publikum in einen Scherz über alte Exploitation-Filmkopien ein. Was fehlt, fällt mit einem Moment zusammen, den der Schnitt darauf vorbereitet hat, Neugier zu wecken. Der Schnitt ist weder ein Fehler auf einer Heimvideoausgabe noch eine Szene, die alle Verleiher zensiert hätten. Er gehört zu einer bestimmten Fassung und zu deren Darstellung einer unvollständigen Kinovorführung.
Wenn der Tanz enthalten ist, verändert seine Dauer die Beziehung zu Arlene. Man hat mehr Zeit zu beobachten, wie sie den Vorschlag annimmt, abwandelt und ausführt, und Mike dabei gegenüberzustehen. Die erweiterte Schnittfassung verlagert das Interesse damit vom Scherz über die Abwesenheit auf das Unbehagen der Anwesenheit. Sie enthüllt für sich genommen keine geheime Bedeutung, sondern entfaltet eine Spannung, die die kürzere Fassung in der Schwebe ließ.
Der Unterschied hilft, Inhalt und Erfahrung auseinanderzuhalten. In beiden Schnittfassungen trägt die Begegnung dazu bei, Mike und die Gruppe einander näherzubringen, aber das Publikum bekommt nicht gleich viel Zeit, Musik und schauspielerische Darstellung. Um die Sequenz zu finden, sollte man zuerst die Fassung bestimmen, denn auch ihre bewusste Auslassung ist eine erzählerische Entscheidung.
Mehr Hintergrund findest du im Death-Proof-Guide.
