Das entfernte Material verlängert Charles Mansons Besuch am Cielo Drive. Sein Gesprächspartner ist Paul Barabuta, gespielt von Danny Strong. Die Szene verändert, wie lange wir Damon Herrimans Figur beobachten.
Paul Barabuta, nicht Paul Revere
In der entfernten Szene aus Once Upon a Time... in Hollywood treffen Damon Herrimans Charles Manson und Paul Barabuta, gespielt von Danny Strong, aufeinander. Es handelt sich nicht um eine Begegnung mit Paul Revere, dem Musiker von Paul Revere & The Raiders. Die Namensähnlichkeit und der Auftritt der Band im Film können zu Verwechslungen führen, doch der Gesprächspartner erfüllt in der Szene eine andere Funktion: Er ist der Hausbesitzer, an den sich Manson auf der Suche nach Terry Melcher wendet.
Das Material erweitert einen Besuch, der im veröffentlichten Filmschnitt kurz zu sehen ist. Manson kommt zum Cielo Drive und fragt nach Personen, die dort nicht mehr wohnen. Die längere Fassung folgt ihm bis zum Gästehaus und lässt uns ein ausführlicheres Gespräch hören. Am Ende verbindet sie ihn visuell mit Cliff Booth, der auf dem Dach von Ricks Haus arbeitet. Diese räumliche Kontinuität gehört zu Tarantinos Fiktion.
Die gedrehten Dialoge sollten nicht als historische Transkription eines belegten Gesprächs dargestellt werden. Die Szene verwendet Namen und Orte, die mit realen Ereignissen verbunden sind, ordnet sie aber in eine Erzählung ein, zu der auch Rick und Cliff gehören – zwei erfundene Figuren. Wer diesen Unterschied berücksichtigt, kann die Darstellung analysieren, ohne sie als dokumentarischen Beleg für die genauen Worte zu verwenden, die Manson bei einem realen Besuch gesagt hat.
Was Herrimans Darstellung gewinnt
Damon Herriman erklärte 2026 in einem Interview, dass die Szene im Gästehaus für sein Vorsprechen verwendet worden sei und später im Bonusmaterial erschien. Außerdem hob er hervor, dass sich ihr Ton von dem des inhaftierten Manson unterscheidet, den er in Mindhunter spielte. Diese Beobachtung des Schauspielers hilft zu verstehen, dass Tarantinos Version auch Momente mit komischer Befangenheit bereithält – neben der Bedrohlichkeit, die das Publikum mit dem Namen der Figur verbindet.
Das Gespräch zeigt eine alltägliche Frustration: Manson sucht einen Kontakt und erhält nicht die gewünschte Antwort. Die Zurückweisung unterbricht das Bild von Autorität, das er gegenüber seinen Anhängern ausüben kann. Außerhalb dieses Kreises muss er fragen, warten und Grenzen akzeptieren, die ihm andere setzen. Durch diese Verkleinerung des Maßstabs erscheint er in der Szene eher als lästige Präsenz denn als allmächtige Figur, die jeden Ort beherrschen kann, an den sie kommt.
Die kurze Präsenz Mansons im Kinofilm hat eine andere Wirkung. Indem der Film ihm weniger Zeit einräumt, lässt er einen Großteil der bedrohlichen Wirkung aus dem Vorwissen des Publikums entstehen. Das entfernte Material fügt Verhalten, Stimme und eine konkrete Interaktion hinzu. Beide Varianten verteilen die Aufmerksamkeit unterschiedlich: Die eine belässt den Auftritt bei einem plötzlichen Erscheinen, die andere ermöglicht es, genauer zu beobachten, wie sich die Figur in einer sozialen Situation zu behaupten versucht.
Eine zusätzliche Szene, die das Gleichgewicht des Besuchs verändert
Die Blicke zwischen Cliff und seinem Besucher verbinden die historische Figur mit einem der erfundenen Protagonisten. Das ist kein Beweis dafür, dass die beiden eine frühere Beziehung verbindet, und belegt für sich genommen auch nicht, dass Cliff die Bedeutung seines Gegenübers versteht. Der Blick schafft eine Nähe, der das Publikum aufgrund seines Vorwissens Bedeutung beimessen kann. Dieser Unterschied zwischen dem Wissen des Publikums und dem Wissen der Figur ist eines der Mittel, mit denen die Sequenz arbeitet.
Wer das Material separat betrachtet, kann die Darstellung würdigen, ohne anzunehmen, dass die Szene nur wegen mangelnder Qualität aus dem Schnitt genommen wurde. Eine Szene kann für sich funktionieren und zugleich einer Figur im Gesamtwerk zu viel Gewicht verleihen. Hier räumt die Verlängerung des Besuchs Manson mehr Aufmerksamkeit ein, als es die veröffentlichte Fassung tat. Diese Wirkung lässt sich analysieren, doch dem Regisseur sollte kein bestimmter Grund für die Streichung zugeschrieben werden, solange keine bestätigende Aussage vorliegt.
Die Szene ist auch nicht gleichzusetzen mit den Erweiterungen des Romans Once Upon a Time... in Hollywood. Das Bonusmaterial bewahrt eine audiovisuelle Darstellung; das Buch arbeitet mit schriftlicher Erzählung. Ein Vergleich muss den jeweiligen Fassungen gerecht werden und darf sie nicht so zusammenführen, als gehörten sie alle zu einem bereits montierten geheimen Film. Die belegbaren Fakten sind konkreter: Es gibt eine gedrehte Verlängerung des Besuchs, sein Gesprächspartner ist Barabuta, und die Begegnung zeigt eine Facette von Herrimans Darstellung, die im ursprünglichen Schnitt außen vor blieb.
Mehr Hintergrund in unserem Leitfaden zu Once Upon a Time... in Hollywood.
