Die Beziehung zwischen O-Ren Ishii und Bushido in Kill Bill Vol. 1 zeigt sich in einem Spannungsverhältnis: Die Kämpferin, die Anerkennung einfordert, kann sie einer anderen Person auch verweigern. Während des Duells nutzt O-Ren das Bild des Samurai, um Beatrix lächerlich zu machen. Später ändert sie ihre Haltung. Dieser Wandel ermöglicht es, Ehre als etwas zu betrachten, das sich im Verhältnis zu einer Gegnerin bewähren muss.
Disziplin, Entschuldigung und Niederlage werfen unterschiedliche Fragen auf. Kämpfen zu können, garantiert nicht, die Person gegenüber richtig einzuschätzen; eine Beleidigung wiedergutzumachen, beendet nicht den Konflikt, der die beiden Frauen an diesen Ort geführt hat. Die Szene hält die Fähigkeit, einen Fehler einzugestehen, und den Willen, einen tödlichen Kampf fortzusetzen, zugleich fest.
Bushido als Deutungsansatz für dieses Verhalten heranzuziehen, ist sinnvoll. Die Figur gehört zu einer zeitgenössischen Kriminalfiktion, und ihr Verhalten lässt Widersprüche zu. Der Film ermöglicht es, zu untersuchen, was O-Ren für würdig hält und wann sie ihre Maßstäbe ändert, ohne jede Geste im Garten als Anwendung ein und derselben historischen Regel zu verstehen.
In Kill Bill: Vol. 1 von Quentin Tarantino aus dem Jahr 2003 beruft sich O-Ren während des Kampfes auf die Samurai, um Beatrix herabzusetzen. Dieser Verweis bringt ein Verhaltensideal in eine Provokation ein. Seine dramatische Wirkung hängt davon ab, wer ihn ausspricht und welche Autorität diese Person über die andere Frau auszuüben versucht.
Disziplin, Autorität und das Recht zu kämpfen
Die Macht von O-Ren Ishii beruht auf ihrer kriminellen Laufbahn und der Kontrolle über andere Menschen. Im Duell muss sie ihre Stellung mit eigenen Mitteln behaupten. Ihr Können hat nun eine konkrete Folge: Das angesammelte Ansehen reicht nicht mehr aus, um zu entscheiden, welche der beiden Frauen sich durchsetzen kann. Die Gegnerin kann diesem Ansehen durch ihr Handeln etwas entgegensetzen.
Die Schlacht im Haus der Blauen Blätter führt zu dieser direkten Begegnung. Dass nun weniger Kämpferinnen beteiligt sind, verändert auch, wie die Gegnerin wahrgenommen wird. O-Ren muss sich auf eine Person konzentrieren, die ihr gegenübersteht und auf ihre Angriffe reagieren kann. In dieser Beziehung lässt sich unmittelbar beurteilen, was jemand kann – etwas, das sich nicht allein durch den Rang als Anführerin klären lässt.
Die Disziplin des Duells zeigt sich auch in den Worten. Eine Kämpferin kann ihre Bewegungen kontrollieren und zugleich zulassen, dass Selbstvertrauen in Verachtung umschlägt. O-Ren achtet genau auf die Waffe und fällt zugleich Urteile, die deren Trägerin herabsetzen. Der Gegensatz zwischen Können und Überheblichkeit bereitet eine andere als die körperliche Prüfung vor: O-Ren muss akzeptieren, dass die Gegnerin das Bild widerlegt, das sie sich von ihr gemacht hatte.
Die Entschuldigung korrigiert ein konkretes Vorurteil
O-Ren verbindet Beatrix’ weiße Hautfarbe mit der vermeintlichen Unfähigkeit, mit einem japanischen Schwert umzugehen. Der Spott stellt Beatrix’ Anwesenheit als Anmaßung dar. Indem O-Ren auf die Herkunft ihrer Gegnerin verweist, macht sie aus einer Frage, die sich anhand des bewiesenen Könnens entscheiden ließe, ein vorgefasstes Urteil über Zugehörigkeit. Ihre Erfahrung mit dem Schwert macht diesen Maßstab nicht gerecht.
O-Ren nutzt auch die Erwartung des Todes, um Beatrix herabzusetzen: Sie stellt einen würdigen Tod als den einzigen Teil des Kriegerideals dar, den ihre Gegnerin erreichen könnte. Feierliche Worte können mit dem Wunsch einhergehen, jemanden zu demütigen. Durch diese Verwendung des Kriegerideals bekommt die spätere Entschuldigung einen konkreten Anlass: Eine Herabsetzung muss wiedergutgemacht werden.
Als O-Ren sich dafür entschuldigt, Beatrix lächerlich gemacht zu haben, gesteht sie der Person gegenüber, an die sich ihr Spott richtete, einen eigenen Fehler ein. Beatrix nimmt die Entschuldigung an. Dieser Austausch räumt der Beleidigten eine Möglichkeit ein, die ihr der Spott zuvor genommen hatte: Sie kann auf das Wiedergutmachungsangebot reagieren. O-Ren bestimmt nun nicht mehr allein, welchen Wert die Worte haben, die zwischen ihnen fallen.
Die Annahme der Entschuldigung bezieht sich auf diese Beleidigung. Die Höflichkeit beseitigt die Gründe für die Auseinandersetzung nicht, und der Kampf geht weiter. Ehre lässt sich hier als Anspruch verstehen, der innerhalb einer feindseligen Beziehung gilt: das Urteil über die Gegnerin zu überdenken, ohne sie deshalb zur Verbündeten zu machen. Der Respekt gilt ihrem Können und dem Umgang, den sie während der Begegnung verdient.
Die Niederlage anerkennen und sich ein eigenes Urteil bewahren
O-Rens letzte Bemerkung bestätigt, dass Beatrix’ Schwert von Hattori Hanzo stammt – etwas, das sie zuvor nicht hatte glauben wollen. In ihrem letzten Auftritt kommt sie auf eine konkrete Behauptung zurück. Auch im Moment der Niederlage kann sie das Geschehene beurteilen und einräumen, dass ihre erste Einschätzung falsch war. Die Szene gibt ihr noch eine Antwort, auch wenn sie das Ergebnis nicht mehr ändern kann.
Diese Korrektur lässt sich als Anerkennung der Niederlage lesen. Sie besteht darin, die vorliegenden Beweise anzuerkennen. Die Entscheidung zu kämpfen hatte den Willen zum Sieg ausgedrückt; das Leben aufs Spiel zu setzen, beweist nicht, dass O-Ren sterben wollte. Das Ende kann feierlich inszeniert sein, ohne O-Ren zu einer Figur zu machen, die ihren Tod von vornherein gewählt hatte.
Die Ehre, die in dieser Beziehung zum Ausdruck kommt, ist zugleich begrenzt und anspruchsvoll. O-Ren kann jemanden, den sie unterschätzt hat, besser behandeln und bis zum Schluss aufmerksam kämpfen. Diese Anerkennung ändert nichts an den Handlungen, durch die sie zu Beatrix’ Ziel geworden ist. Die Würde einer Gegnerin kann sich in einer konkreten Geste zeigen, ohne dass damit das Gesamturteil über die Figur zu ihren Gunsten ausfällt.
Der Begriff Bushido hat eine Geschichte, die es erschwert, ihn als pauschale Erklärung für das Verhalten einer Figur zu verwenden. In Inventing the Way of the Samurai: Nationalism, Internationalism, and Bushido in Modern Japan, 2014 bei Oxford University Press erschienen, untersucht Oleg Benesch, wie sich seine moderne Ausprägung während der Suche nach einer japanischen Identität im späten 19. Jahrhundert entwickelte.
Benesch erklärt, dass diese Debatten von europäischen Ritterlichkeitsidealen beeinflusst wurden und sich mit späteren politischen Veränderungen wandelten. Seine Untersuchung verfolgt auch die Neuinterpretationen, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Von einer ungebrochenen Kontinuität seit der Vergangenheit zu sprechen, verschleiert diesen Prozess der Auswahl und Neubearbeitung.
Diese historische Perspektive ermöglicht eine präzisere Deutung des Films: Disziplin, Loyalität und Ehre können je nachdem, wer sie zu welchem Zweck anführt, unterschiedlich miteinander verbunden werden. O-Rens Verweis auf den Samurai setzt einen Maßstab, an dem sie ihre Gegnerin misst. Dieser Auftritt erfüllt eine Funktion innerhalb der Szene – zusätzlich zu den historischen Assoziationen, die er beim Publikum hervorrufen mag.
