Die Musik, die Tarantino sich für eine Szene vorstellt, muss zu einer identifizierten, verfügbaren und verwendbaren Aufnahme werden. Mary Ramos spielt dabei eine entscheidende Rolle. Ihre Aufgaben haben sich seit ihren ersten gemeinsamen Projekten verändert.
Eine Mitarbeiterin mit wechselnden Credits
Mary Ramos ist seit Tarantinos frühen Jahren an seiner Filmografie beteiligt. Diese Kontinuität bedeutet jedoch nicht, dass sie immer dieselbe Funktion innehatte. Bei Pulp Fiction ist sie innerhalb von Mind Your Music als Musikkoordinatorin aufgeführt. Karyn Rachtman wird als Music Supervisor genannt. Diese Unterscheidung anzuerkennen, würdigt die Arbeit beider, ohne Ramos rückwirkend eine Funktion zuzuschreiben, die die Credits des Films einer anderen Fachfrau zuordnen.
In späteren Jahren etabliert sich Ramos als Music Supervisor für Tarantino. Zu ihrer Laufbahn zählen Kill Bill, Django Unchained, The Hateful Eight und Once Upon a Time in Hollywood sowie Projekte anderer Regisseure. In ihrem beruflichen Profil sind Auszeichnungen der Guild of Music Supervisors für Django und Hollywood verzeichnet. Diese Anerkennungen gelten der Musik-Supervision und dürfen nicht mit Preisen für eine von ihr komponierte Filmmusik verwechselt werden.
Die Musik-Supervision verbindet verschiedene Anforderungen. Ein Film kann bereits aufgenommene Songs, innerhalb der Filmhandlung stattfindende Darbietungen und die Abstimmung mit den Komponistinnen und Komponisten der Originalmusik erfordern. Die Arbeit beschränkt sich nicht darauf, eine ansprechende Liste vorzuschlagen. Sie muss die Absicht einer Szene mit den verfügbaren Materialien und den Personen in Verbindung bringen, die deren Verwendung genehmigen oder umsetzen können.
Diese Bandbreite erklärt, warum der Name der Music Supervisorin möglicherweise weniger sichtbar ist als der der Musikerinnen und Musiker, obwohl sie das gesamte Projekt begleitet. Das Publikum erkennt eine Stimme, eine Melodie oder eine Interpretin. Hinter diesem Moment kann eine umfangreiche Recherche stehen, um herauszufinden, welche Version der Film braucht und wie sie in die endgültige Fassung gelangt.
Eine Szene hören, bevor sie auf der Leinwand zu sehen ist
2019 berichtete Ramos dem Magazin GQ von Vorbereitungsgesprächen in Tarantinos Plattenzimmer. Der Regisseur spielte Musik ab, während er die Szenen erläuterte, und sie machte sich Notizen, um die Einzelheiten festzuhalten. Ihr Bericht zeigt eine Zusammenarbeit, die vor dem endgültigen Schnitt beginnt: Der Song kann Teil der Art und Weise sein, wie der Filmemacher die Geschichte entwirft und vermittelt.
Bei diesem Vorgehen geht es darum, neben der Platte auch die Absicht dahinter zu verstehen. Ein Stück kann wegen seiner Energie, seiner Verbindung zu einem anderen Film oder seiner Beziehung zu einer Figur interessant sein. Das sind unterschiedliche Gründe. Sie zu verstehen hilft, das Ziel im Blick zu behalten, wenn Zugangsschwierigkeiten, abweichende Versionen oder praktische Anforderungen während der Dreharbeiten auftreten.
Tarantinos Filme greifen auf Material zurück, das bereits eine eigene Geschichte hat. Ein Song, der in einem anderen Film verwendet wurde, kann Assoziationen mitbringen, die der Regisseur wieder aufleben lassen möchte. In ihrem Interview mit Variety von 2016 erklärte Ramos, dass solche Bezüge in ihrer Zusammenarbeit eine wichtige Rolle spielen. Die Musik-Supervision muss die Verbindung zwischen einer Aufnahme und ihrem kulturellen Kontext erkennen.
Eine präzise Absicht macht verschiedene Versionen nicht austauschbar. Eine Interpretation kann ein bestimmtes Tempo, einen bestimmten instrumentalen Einsatz oder eine eigene Klangfarbe der Stimme haben, die einer anderen fehlt. Ist eine Szene um diese Dauer herum gestaltet, verändert ein Wechsel der Aufnahme mehr als nur den Namen auf einer Liste. Die Musik-Supervision trägt dazu bei, die Besonderheit einer Auswahl gegenüber den Vereinfachungen einer Suche zu bewahren.
Die Recherche, die Santa Esmeralda hörbar machte
Der Fall Don't Let Me Be Misunderstood von Santa Esmeralda ist ein dokumentiertes Beispiel. Ramos erzählte Variety, dass ein Streit im Zusammenhang mit dem Sänger Leroy Gomez die Verwendung der Aufnahme in Kill Bill: Vol. 1 zunächst verhindert hatte. Sie recherchierte anhand von Registern und Dokumenten, spürte den Sänger über seine Mutter auf und erreichte eine Einigung, die die Verwendung des Stücks ermöglichte.
Die Anekdote zeigt eine Arbeit, die auf der Leinwand nicht sichtbar ist. Das Duell kann seine musikalische Form behalten, weil jemand zuvor ein Hindernis aus dem Weg geräumt hat. Recherche und Verhandlung tragen zum kreativen Ergebnis bei, auch wenn sie sich nicht in von der Music Supervisorin komponierten Noten niederschlagen. Das Beispiel bedeutet auch nicht, dass jede Ablehnung überwunden werden kann: Es beschreibt eine konkrete Lösung in einem konkreten Projekt.
In The Hateful Eight bringt Ennio Morricones Mitwirkung eine andere Art der Zusammenarbeit ins Spiel. Ramos hob hervor, wie wertvoll die Arbeit mit ihm war. Zugleich verbindet der Film eine Originalpartitur mit weiteren musikalischen Elementen. Ihre Funktion ist nicht mit Morricones Kompositionsarbeit gleichzusetzen. Die Musik-Supervision hilft dabei, eine musikalische Klangwelt zusammenzufügen, deren Bestandteile von unterschiedlichen Urheberinnen und Urhebern stammen, verschiedene Ursprünge haben und unterschiedliche Produktionsanforderungen mit sich bringen können.
Auch zwischen Film und kommerziell veröffentlichtem Album besteht ein Unterschied. Ein veröffentlichtes Soundtrackalbum kann bestimmte Titel auswählen, spezielle Versionen verwenden und eine eigene Reihenfolge haben. Es gibt nicht unbedingt alles wieder, was im Spielfilm zu hören ist. Ramos hat auch die Arbeit an Tarantinos Titelauswahl für solche Alben beschrieben. So lassen sich zwei miteinander verbundene Objekte unterscheiden: die Musik in den Szenen und ihre Präsentation als eigenständiges Hörerlebnis.
Ihr Beitrag lässt sich am besten anhand der Verbindung von Vorstellung und Umsetzung verstehen. Sie kann sich eine Szene anhören, die bislang nur mündlich geschildert wird, eine schwer auffindbare Aufnahme ausfindig machen und die Einbindung von Musik in das Projekt koordinieren. Tarantinos musikalische Handschrift ist unverwechselbar, doch sie erreicht das Publikum durch gemeinschaftliche Arbeit. Ramos steht für einen Teil dieses Prozesses, der eine persönliche Auswahl zu einem konkreten, hörbaren Bestandteil des Films werden lässt.
Lesen Sie den Leitfaden zu Tarantinos musikalischen Mitarbeitern.
