Luis Bacalov bei Tarantino: Westernmelodien in neuem Kontext

Tarantino setzt Bacalovs Musik ein, um Erinnerung, Identität und Bewegung zu gestalten. Die Verbindung beginnt mit Filmmusiken, die bereits ein eigenes filmisches Leben hatten.

Il grande duello in Kill Bill

Luis Bacalov ist einer der Komponisten, dessen Musik Tarantinos Kino mit dem italienischen Western verbindet. Sein bekanntester Auftritt in Kill Bill: Volume 1 stammt aus Il grande duello, einem Film von Giancarlo Santi aus dem Jahr 1972. Das Thema ist mit der Vergangenheit von O-Ren Ishii verknüpft und erklingt in der Animationssequenz, die von der erlittenen Gewalt und ihrem weiteren Lebensweg erzählt.

Die Wahl verändert die Dimension der Erinnerung. Die Musik versucht nicht, eine japanische Tradition nachzuahmen, um dem Schauplatz und den Figuren wörtlich zu entsprechen. Sie bringt eine melodische Weite aus einem anderen Kino mit und macht so aus der verdichteten Biografie eine Geschichte von Verlust und Rache. Die Verbindung entsteht durch die emotionale Funktion, nicht durch eine geografische Übereinstimmung.

Bacalov schrieb dieses Stück nicht für O-Ren. Das Material hatte bereits eine Verbindung zu einer anderen Erzählung, anderen Gesichtern und anderen Situationen. Tarantino nutzt seine Fähigkeit, einen Eindruck von Schicksal zu erzeugen, und stellt es neben neue Bilder. Wer den Ursprung kennt, kann diese Vorgehensweise würdigen, ohne dem Komponisten eine Absicht für eine Jahrzehnte später geschaffene Figur zuzuschreiben.

Die Struktur von Kill Billermöglicht solche Verschiebungen, weil sie sichtbar verschiedene Filmtraditionen verbindet. Die Musik eines Westerns kann neben Animation und einer Geschichte japanischer Gewalt stehen. Die Kohärenz beruht nicht auf stilistischer Reinheit, sondern darauf, dass das Musikstück dem Schmerz und dem Drang zur Gegenwehr eine erkennbare Form verleiht.

Django: eine Identität, die schon im Vorspann angekündigt wird

In Django Unchained wird die Verbindung bereits im Titel deutlich. Das Lied Django, von Bacalov für Sergio Corbuccis Film aus dem Jahr 1966 komponiert und von Rocky Roberts gesungen, begleitet den Vorspann. Die Aufnahme bringt einen Namen mit, den der neue Film wieder in den Mittelpunkt rückt. Es handelt sich weder um eine moderne Nachahmung des Themas noch um ein eigens für Jamie Foxx geschriebenes Lied.

Das Django-Titelthemasorgt für einen kraftvollen Auftakt, noch bevor der Protagonist sich im Geschehen frei ausdrücken kann. Die musikalische Stimme kündigt eine Individualität an, während das Bild unterworfene und gefesselte Männer zeigt. Dieser Kontrast verleiht dem Namen den Charakter eines Versprechens, ohne dass man den gesamten Liedtext wiedergeben müsste, um ihn zu verstehen.

Die Auswahl umfasst auch Lo chiamavano King aus dem gleichnamigen Film von 1971 sowie La corsa, das zum Django von 1966 zurückführt. Die Bezeichnung La corsa (2nd Version) kennzeichnet eine Variante des Materials und erinnert daran, dass eine Partitur mehrere Ausarbeitungen derselben Idee enthalten kann. Ein ähnlicher Titel auf einer Sammlung reicht nicht aus, um anzunehmen, dass genau dieselbe Aufnahme oder Fassung zu hören ist. Auf die Versionen zu achten, ist besonders hilfreich, wenn Schallplatten verschiedene Filme unter einer gemeinsamen Bezeichnung wie „italienischer Western“ zusammenfassen.

Die Angaben zu den einzelnen Aufnahmen sollten getrennt bleiben: Dass mehrere Stücke denselben Komponisten haben, bedeutet weder, dass sie zum selben Originalfilm gehören, noch, dass sie alle in einer einzigen Sitzung für Tarantino aufgenommen wurden.

Der Reiz dieser Entlehnungen liegt in der Vielfalt ihrer Funktionen. Ein Lied kann den Helden vorstellen; ein Instrumentalstück kann Vorwärtsdrang oder körperliche Energie vermitteln. Bacalovs Musik ist keine unterschiedslose Klangfläche, die jeder beliebigen Szene im Westen hinzugefügt wird. Der Regisseur wählt Stücke mit eigenständigem Profil aus und setzt sie dort ein, wo sie das Erlebnis des Schnitts verändern können.

Ein Einfluss, der sich in konkreten Entscheidungen hören lässt

Von Einfluss zu sprechen ist besonders sinnvoll, wenn man das konkrete Material benennt. Tarantinos Verbindung zu Bacalov braucht keine mutmaßliche persönliche Zusammenarbeit oder einen neuen Kompositionsauftrag, um bedeutsam zu sein. Die Weiterverwendung von Aufnahmen schafft eine echte Kontinuität zwischen Filmen: Die Musik überlebt ihren ursprünglichen Kontext und findet neue Figuren, die ihre Möglichkeiten zur Entfaltung bringen.

Wichtig ist auch, Bacalov nicht mit Morricone zu verwechseln. Beide arbeiteten ausgiebig für das italienische Kino und den Western, doch ihre Werke stammen von unterschiedlichen Komponisten. Wer jede Melodie des Genres dem bekanntesten Namen zuschreibt, verwischt die Vielfalt des Repertoires, das Tarantino nutzt. Den Komponisten zu identifizieren, ist Teil der Analyse und kein nebensächliches Detail.

Die Neuinterpretation des Spaghettiwesternsbei Tarantino umfasst Bildkomposition, Erzählrhythmus und Rachefiguren, doch die Musik schafft eine besonders unmittelbare Verbindung. Eine Aufnahme bewahrt Klangfarben und Interpretationsentscheidungen ihrer Zeit. Erklingt sie neben neuen Bildern, erzeugt sie eine hörbare Kontinuität, die eine bloße visuelle Ähnlichkeit auf dieselbe Weise nicht bieten kann.

Der Titel jedes Stücks gibt einen Hinweis auf seine Herkunft, doch wenn es in einem anderen Film erklingt, kann sich das Bild, das es hervorruft, völlig verändern.

In Kill Bill verleiht Bacalov einer Gegenspielerin eine tragische Vergangenheit; in Django wirkt seine Musik an der Vorstellung und dem Vorwärtsdrang eines Protagonisten mit. Diese Funktionen sind nicht gleich, auch wenn das Repertoire aus derselben Quelle stammt. Der Vergleich zeigt, wie Tarantino die Stücke als verfügbare Strukturen für neue Beziehungen hört: Ein Thema behält seine musikalische Identität, während es scheinbar zu einer anderen Person gehört.

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