Riz Ortolani bei Tarantino: die Energie von I giorni dell’ira

Riz Ortolani bringt Tarantino eine Musik voller Angriffslust und Bewegung, deren konkrete Herkunft ebenso wichtig ist wie ihre unmittelbare Kraft.

Ein Stück Italowestern mit eigener Identität

I giorni dell’ira, auf Deutsch als Tage des Zorns bekannt, ist ein Film von Tonino Valerii aus dem Jahr 1967 mit Musik von Riz Ortolani. Sein Thema wurde im Tarantino-Universum wiederverwendet, insbesondere in Kill Bill und Django Unchained. Es ist keine Komposition von Ennio Morricone, auch wenn beide Komponisten im Repertoire des Italowesterns vertreten sind.

Die genaue Namensnennung ist wichtig, denn Ortolani blickt auf eine sehr vielseitige Karriere zurück und lässt sich nicht auf die Nachahmung eines anderen Komponisten reduzieren. Seine Musik kam in verschiedenen Genres zum Einsatz, vom Drama bis zum Exploitationkino. Tarantino wählt einen Teil dieses Katalogs aus; die spätere Popularität dieser Übernahme macht sie nicht zu einer umfassenden Darstellung seines Werks.

Das Thema aus Tage des Zorns hat eine unmittelbare Energie. Die Akzente und die eindringliche Melodieführung vermitteln Entschlossenheit, die sich schnell erkennen lässt. Diese Wirkung ist nützlich, wenn ein Film eine Geste intensivieren muss, ohne erst eine lange musikalische Steigerung aufzubauen. Der Einsatz kann beinahe wie eine Kraftdemonstration wirken.

Zudem bewahrt die Aufnahme die Klangtextur ihrer Zeit. Das Interessante sind nicht nur die Noten, die sich erneut spielen ließen, sondern auch der Klang einer früheren Interpretation und Produktion. Indem Tarantino sie einsetzt, bringt er eine konkrete Erinnerung an das italienische Kino ein. Die Vergangenheit ist in der neuen Szene hörbar, auch wenn das Publikum den ursprünglichen Filmtitel nicht sofort erkennt.

Ein kurzer Akzent in Kill Bill und ein kraftvoller Impuls in Django

In Kill Bill ist Ortolanis Musik Teil einer Auswahl, die sehr schnell den Ton wechseln kann. Ein Stück muss keinen ganzen Kampf begleiten, um Bedeutung zu haben. Ein kurzes Fragment kann einen Auftritt, eine Reaktion oder eine Bewegung intensivieren und wieder verschwinden, bevor das Publikum es als beständige Hintergrundmusik wahrnimmt.

Diese fragmentarische Verwendung ist besonders wichtig, wenn man den Film mit einer Schallplatte vergleicht. Das vollständige Thema anzuhören, lässt seine Entwicklung erkennen, gibt aber nicht unbedingt das Erlebnis des Schnitts wieder. Tarantino kann nur einen Teil seiner Energie nutzen und ihn zu einem Akzent machen. Die Identität des Stücks bleibt erhalten, während sich seine Dauer und sein Verhältnis zum Geschehen verändern.

In Django Unchained begleitet I giorni dell’ira das Lernen und die körperliche Selbstbehauptung des Protagonisten. Die Verbindung zum Western ist deutlicher, doch zugleich wird das Stück verwandelt. Die Musik gehört nicht mehr zur Geschichte Valeriis oder zu dessen Figuren; sie trägt dazu bei, Django als jemanden zu zeigen, der wirksam handeln kann, nachdem man ihn wie Eigentum behandelt hat.

Der musikalische Schwung sorgt dafür, dass das Üben nicht wie eine neutrale Abfolge von Übungen wirkt. Durch die Wiederholung der Handlungen entstehen Zielstrebigkeit und Selbstvertrauen. Das Thema kann wechselnde Einstellungen und Situationen unter einem gemeinsamen Eindruck des Fortschritts zusammenführen, ohne dass jeder Schritt durch Dialog erklärt werden muss. Die Energie des älteren Repertoires dient dem Aufbau einer neuen Identität.

Die Wiederverwendung und ihre Grenzen

Dieser Vergleich macht zwei unterschiedliche Montageformen hörbar. Bei einem kurzen Einsatz wirkt das Thema wie ein Energiestoß, der einen Augenblick verwandelt. In einer Lernsequenz verleiht es mehreren Handlungen Kontinuität und lässt eine Entwicklung erkennen. Der Unterschied liegt nicht darin, ob ein Stück für den einen oder anderen Film besser oder schlechter geeignet ist, sondern darin, wie viel Zeit es erhält und in welcher Beziehung es zu den Bewegungen der Figur steht.

Tarantinos Ruf für Gewaltdarstellungen kann dazu verleiten, jede Übernahme als Musik zu einem Massaker zu beschreiben. Bei Ortalani sollte man auf die Szene und die tatsächliche Länge des Fragments achten. Lernen, sich vorbereiten, herausfordern oder eine Geste vollenden sind unterschiedliche Funktionen. Die musikalische Intensität allein beweist nicht, dass das Bild ein Massaker zeigt.

Auch die Verbindung zur Exploitation-Filmkultur rechtfertigt es nicht, Tarantino jedes bekannte Thema des Komponisten zuzuschreiben. Ortolani schrieb Musik, die von anderen Regisseuren wiederverwendet wurde; diese Verwendungen müssen voneinander getrennt bleiben. Eine thematische Zusammenstellung oder eine Liste von Gemeinsamkeiten ist kein Filmnachweis. Jede Zuschreibung muss sich auf ein konkretes Stück und einen konkreten Film beziehen.

Wichtig ist auch, zwischen Auswahl und Auftrag zu unterscheiden. Die Verwendung von I giorni dell’ira bedeutet nicht, dass Ortolani eine Originalfilmmusik für Kill Bill oder Django komponiert hätte. Die Komposition war bereits früher entstanden; Tarantino greift ein, indem er einen neuen Kontext dafür auswählt. Wer beide Momente auseinanderhält, kann den Komponisten würdigen, ohne ihm erzählerische Entscheidungen zuzuschreiben, die Jahrzehnte später getroffen wurden.

Am aufschlussreichsten ist die Verbindung, wenn man darauf achtet, was das Stück bewahrt und was der Schnitt verändert. Die Entschlossenheit, die im Italowestern entstanden ist, bleibt erhalten; Körper, Geste und Geschichte, die diesen Impuls aufnehmen, verändern sich. Ortolani liefert mehr als eine Retro-Atmosphäre: eine musikalische Form, die den Augenblick glaubhaft macht, in dem eine Figur aufhört zu warten und zu handeln beginnt.

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