O-Rens Ursprung: Die Anime-Sequenz in Kill Bill

Das dritte Kapitel von Kill Bill: Vol. 1 erzählt O-Ren Ishiis Vorgeschichte in einer Anime-Sequenz von Production I.G. Mit dem Wechsel des Mediums rückt auch eine andere Hauptfigur in den Mittelpunkt: In diesem Abschnitt geht es um die Kindheit der Frau, die zu einer der Gegenspielerinnen der Braut werden wird. Verlust und Rache prägen ihre Geschichte, bevor der Film die Konfrontation zwischen den beiden weiterentwickelt.

Wer diese Vergangenheit kennt, nimmt O-Ren anders wahr. Ihrer Macht als Erwachsene gehen eine Zeit der Hilflosigkeit und Entscheidungen voraus, die sie auf den Weg der Gewalt führen. Das Kapitel verknüpft zwei Lebensabschnitte, obwohl sich die Bilder und ihre Machtposition stark unterscheiden.

Auch der Zeichenstil prägt diese Darstellung. Kazuto Nakazawa entschied sich für einen bewusst altmodischen Look mit kräftigen Linien, der einer bestimmten Anime-Tradition zuzuordnen ist. So erhält die Sequenz innerhalb des Films eine unverwechselbare grafische Identität. Ihre Aufgabe ist es, der Antagonistin eine Geschichte zu geben, die nach ihrer Rückkehr in den Realfilm weiter nachwirkt.

O-Rens Vorgeschichte erhält in Kill Bill: Vol. 1, der 2003 in die Kinos kam, ein eigenes Kapitel. Dadurch bekommt eine Figur Raum, deren Bedeutung sich sonst darauf zu beschränken scheinen könnte, ein Ziel der Braut zu sein. Die Handlung hält den Vorstoß der Protagonistin für einige Minuten an und zeigt, dass auch ihre Rivalin eine von Verlust und gewaltsamer Vergeltung geprägte Vergangenheit hat.

Von der Kindheit zur Machtposition

In seiner Notiz für das Holland Animation Film Festival 2006 beschreibt Production I.G die Sequenz als Weg von O-Rens harter Kindheit bis zu ihrer Entwicklung zur Auftragsmörderin. Der Film macht diesen Wandel anhand des Verlusts ihrer Eltern und der anschließenden Rache konkret. Diese Ereignisse zeichnen einen Lebensweg nach, ohne jede Etappe ihres Erwachsenwerdens in eine eigene Szene verwandeln zu müssen.

Die Ausgangslage des Mädchens ist wichtig, weil sie es der Willkür von Menschen ausliefert, die über ihr Leben bestimmen können. Die Rache verschiebt die Machtverhältnisse: O-Ren erträgt nicht länger nur, was andere ihr antun, sondern übt selbst Gewalt aus. Zwischen den beiden Situationen besteht eine Verbindung, doch der Wandel bringt auch eine neue Verantwortung mit sich. Die Verletzlichkeit des Kindes und die späteren Taten gehören zu derselben Figur.

Durch die Zeitsprünge lässt sich ein langer Lebensabschnitt in einer kurzen Episode erzählen. Dieser Rückblick in die Chronologie von Kill Bill setzt ein, nachdem der Film den Konflikt der Braut bereits vorgestellt hat. O-Rens Vergangenheit liefert daher Informationen, die eine bestehende Rivalität in einem neuen Licht erscheinen lassen: Noch bevor wir die Konfrontation weiterverfolgen, erfahren wir etwas über die Frau auf der anderen Seite.

Die kräftigen Linien und Nakazawas gewählter Stil

Im dritten Teil seines offiziellen Interviews für die Reihe The Making of Asience erklärt Nakazawa, dass er für Kill Bill einen etwas altmodischen Stil anstrebte. Der Interviewer vergleicht die kräftigen Linien mit Ashita no Joe und Kyojin no Hoshi; der Regisseur bestätigt den Bezug zur Gekiga-Tradition. Das verweist auf eine konkrete grafische Entscheidung, statt Anime insgesamt so darzustellen, als hätte das Genre einen einheitlichen Look.

Die kräftigen Konturen verleihen der Zeichnung Präsenz. Die Figur trägt sichtbar die Spuren ihrer Darstellung, und der Übergang vom Realfilm ist klar erkennbar. In einer Geschichte, die so unterschiedliche Lebensabschnitte zusammenfasst, macht dieser Unterschied die Episode als eigenständige Erzählung kenntlich. Das Publikum kann das Mädchen mit der späteren O-Ren in Verbindung bringen, ohne dass beide Auftritte exakt dieselbe Bildsprache verwenden müssen.

Die Arbeit von Production I.G an der animierten Sequenzverbindet diese Stilentscheidung mit einer Geschichte, die sich in einen Realfilm einfügen soll. Die Sequenz bewahrt ihre Eigenständigkeit und liefert zugleich entscheidende Informationen über eine Figur des Gesamtwerks. Ihre visuelle Eigenständigkeit macht den Wechsel des Kapitels erkennbar; O-Rens Lebensgeschichte stellt die Verbindung zum Film her.

Eine Gegenspielerin mit ihrer eigenen Rachegeschichte

Die Verbindung zur Braut wird deutlich, wenn man den Lebensweg der beiden betrachtet: Ein Übergriff verändert ihr Leben, und später bestimmt Rache ihr Handeln. Diese Parallele zeigt, dass Vergeltung auch Figuren betrifft, die auf gegnerischen Seiten stehen. O-Ren ist nicht mehr bloß diejenige, die am Ende eines Weges wartet. Ihr eigener Weg hat viel früher begonnen, und das Kapitel lässt uns seinen Ursprung kennenlernen.

Diese Vorgeschichte verleiht der Figur O-Ren Ishiieine zusätzliche Spannung. Der Film lässt uns erkennen, welches Leid sie als Kind erfahren hat, und zeigt sie später dabei, wie sie Macht über andere ausübt. Entscheidend ist, beide Informationen nebeneinander bestehen zu lassen. Die Tragödie erklärt einen Teil ihrer Geschichte; ihre Taten als Erwachsene wirken sich weiterhin auf andere aus. Die Anteilnahme, die das Mädchen wecken kann, besteht neben der Verantwortung der Frau, zu der sie heranwächst.

Wenn O-Ren im Realfilm wieder auftaucht, hat das Publikum eine Erinnerung an sie, auf die sie bei jeder Begegnung nicht eigens verweisen muss. Ein öffentlicher Auftritt oder eine Machtdemonstration kommt zu dieser Vorgeschichte hinzu. Dank der animierten Sequenz ist ihr Eintritt in den Konflikt mehr als bloß ihr Ruf: Wir kennen eine Zeit, in der sie noch nicht über die Macht verfügte, die sie heute besitzt.

Die Figur behält ihre Identität über unterschiedliche Darstellerinnen und Darstellungsformen hinweg. Laut der von Production I.G veröffentlichten Besetzungsliste der Animation spricht Ai Maeda die Rolle der O-Ren. In der Besetzung des Spielfilms, die im Katalog des American Film Institute aufgeführt ist, steht Lucy Liu. So lassen sich die Sprechrolle in der Sequenz und der Auftritt der Schauspielerin im Realfilm voneinander unterscheiden.

Die Kontinuität der Figur entsteht durch die Geschichte, die diese Auftritte miteinander verbindet. Name, Erlebnisse und deren Folgen lassen uns O-Ren wiedererkennen, obwohl sich ihr Alter und ihre Darstellung verändern. Durch die Zeichnung erhält sie im Film eine sichtbare Kindheit; die spätere Darstellung durch eine Schauspielerin nimmt diesen Lebensabschnitt in ihre erwachsene Präsenz auf. Das Publikum fügt beides zusammen, ohne dass jede Geste ausdrücklich an die Vergangenheit erinnern muss. Ein Teil der Informationen bleibt im Gedächtnis und kann den Eindruck verändern, den ein Blick, ein Befehl oder ein Auftritt hinterlässt.