Elle Driver nähert sich dem Krankenhaus mit einer Melodie, die für ihren Zweck viel zu unbekümmert wirkt. Das Pfeifen schürt die Erwartung, noch bevor die Handlung das Bett von Beatrix erreicht.
Eine ältere Komposition findet eine neue Szene
Das mit Elle Drivers Pfeifen verbundene Thema stammt aus dem britischen Film Twisted Nerve von 1968, für den Bernard Herrmann die Musik komponierte. Kill Bill: Volume 1 verwendet diese Komposition erneut. Die Melodie wurde weder ursprünglich für Elle geschrieben noch von RZA für diese Sequenz komponiert, auch wenn RZA im Film weitere musikalische Aufgaben übernimmt.
Das Motiv ist leicht wiederzuerkennen und wirkt in diesem Zusammenhang auf den ersten Blick unbeschwert, was es beunruhigend macht. Durch seine Wiederholung kann das Publikum es schnell im Gedächtnis behalten. Diese klare Melodie begünstigt die Verbindung mit Elles Auftritt: Nachdem man sie gehört hat, kann die Musik die Szene wieder wachrufen, selbst wenn das Krankenhaus nicht erneut gezeigt wird.
Man muss Twisted Nerve nicht kennen, um die Wirkung der Wiederverwendung zu verstehen. Wer den Ursprung erkennt, kann eine filmische Erinnerung damit verbinden; wer ihn nicht kennt, hört eine eigenwillige Melodie, die mit einer Figur verknüpft ist, die einen Mord vorbereitet. Die Szene liefert selbst alle nötigen Informationen, damit diese Verbindung bedrohlich wirkt.
Herrmanns Urheberschaft bleibt dennoch wichtig. Sie hilft, zwischen Komposition und Auswahl beziehungsweise Wiederverwendung zu unterscheiden. Tarantino entscheidet, wie er das Stück in eine andere Erzählung einbindet, doch diese Entscheidung ersetzt nicht die Arbeit des Komponisten. Die Wirkung der Szene entsteht aus der neuen Beziehung zu einem Werk, das bereits eine eigene Identität besaß.
Elle inszeniert ihre Ankunft wie eine Routine
Der Auftritt von Elle Driver wird durch Bewegung, Vorbereitung und einen Wechsel des Erscheinungsbilds gestaltet. Das Krankenhaus ist ein Ort, der mit Fürsorge verbunden wird, doch sie nutzt ihn, um sich einer wehrlosen Person zu nähern. Die Melodie begleitet diesen Widerspruch, ohne einen deutlich alarmierenden Ton anzuschlagen. Ihre scheinbare Leichtigkeit macht Elles Selbstsicherheit besonders unangenehm.
Das Pfeifen erinnert an etwas, das man beim unbekümmerten Spazierengehen tun könnte. In Verbindung mit der Absicht der Figur wird diese Unbekümmertheit zu einer Form der Grausamkeit. Elle scheint ihre Aufgabe wie eine alltägliche Erledigung behandeln zu können. Das Publikum, das um die Gefahr weiß, hört dasselbe Motiv aus einer völlig anderen Perspektive.
Die Inszenierung verteilt Informationen auf verschiedene Räume und ermöglicht es, die sich nähernde Person mit derjenigen in Verbindung zu bringen, die schutzlos zurückbleibt. Die Musik schafft Kontinuität zwischen diesen Positionen. Die Spannung entsteht nicht dadurch, dass der gesamte Plan verborgen bleibt, sondern dadurch, dass man die noch zurückzulegende Entfernung und die Schwierigkeit spürt, das Geschehen aufzuhalten.
Die Kleidung und das Krankenhausumfeld tragen zur Täuschung bei, doch der Klang bewahrt eine eigene Identität. Elle kann im Krankenhaus ein zweckmäßiges Erscheinungsbild annehmen, während die Melodie sie für das Publikum unvergesslich macht. Diese Trennung zwischen dem, was die anderen Figuren sehen könnten, und dem, was das Publikum hört, verstärkt ihre Einführung.
Bills Anruf durchkreuzt Elles Vorhaben und verändert den Ablauf, den die Musik so sicher voranzutreiben schien. Sie muss aufgrund einer Anweisung von außen innehalten, nicht etwa, weil sich das Opfer wehren kann. Diese Unterbrechung zeigt eine Grenze ihrer Kontrolle: Sie kann ihre Annäherung planen und die Verkleidung vorbereiten, gehört aber weiterhin einer Hierarchie an, die die Tat noch in letzter Sekunde abbrechen kann.
Die Melodie muss nicht düsterer werden, um bedrohlich zu wirken
Ein konventionelles Stilmittel könnte Gefahr mit tiefen Akkorden oder einer stetig anwachsenden Spannung ankündigen. Hier erzielt die Wiederholung eines scheinbar leichten Motivs eine andere Wirkung. Die Bedrohung entsteht aus dem Widerspruch zwischen dem Ton der Musik und dem Vorhaben der Person, die sich nähert. Die Szene lässt das Publikum beide Eindrücke zugleich aufrechterhalten, ohne sie aufzulösen.
Dieser Kontrast beeinflusst auch das Zeitempfinden. Jede Wiederholung begleitet eine Etappe der Annäherung und verleiht dem Warten eine erkennbare Form. Das Motiv scheint unabhängig von der Angst weiterzulaufen, die es auslösen kann. Die Musik empfindet kein Mitgefühl für das Opfer; sie bewahrt die Gelassenheit der Bewegung, die es in Gefahr bringt.
Das Verhältnis zwischen dem dargestellten Pfeifen und der Musikspur sollte sorgfältig beschrieben werden. Die Szene verknüpft das Motiv mit Elle, doch daraus lässt sich nicht schließen, dass die endgültige Aufnahme vollständig aus dem beim Dreh erzeugten Pfeifen besteht. Die Fiktion zeigt eine Handlung; der Soundtrack kann verschiedene Materialien kombinieren, um ihr die Form zu geben, die wir hören.
Die Arbeit von RZA an Kill Bill ist Teil eines umfangreichen musikalischen Gesamtwerks, in dem Kompositionen, die Auswahl von Musikstücken und deren Bearbeitung zusammenkommen. Diese Zusammenarbeit anzuerkennen, ändert nichts an der Urheberschaft von Twisted Nerve. Der Film entsteht gerade durch Stücke unterschiedlicher Herkunft, die innerhalb derselben Erzählung neue Funktionen erhalten.
Die Szene macht Herrmanns Motiv zu einer Charaktereinführung. Elle tritt kontrolliert und vorbereitet auf, mit einer Gelassenheit, die das Publikum nicht teilt. Das Pfeifen bleibt leicht, während seine Bedeutung unheilvoll wird. Diese Distanz lässt wenige Klänge eine Bedrohung tragen, ohne dass sie erklärt werden muss, und verbindet die Figur mit einer Melodie, die so leicht im Gedächtnis bleibt, wie sie nach dieser Szene kaum noch unbefangen zu hören ist.
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