Bills Flöte gehört zu seinen Begegnungen mit Beatrix vor dem endgültigen Bruch: zur Kapelle und zur Geschichte über Pai Mei. Sie dem finalen Duell zuzuordnen, vermischt Szenen mit unterschiedlichen Funktionen.
Zwei Auftritte in Beatrix’ Vergangenheit
Einer der bekanntesten Auftritte der Flöte findet vor der Kapelle statt, während der Rückblende auf die Hochzeitsprobe. Beatrix hört Bill und geht hinaus, um ihn zu treffen. Die Musik kündigt ihn an, noch bevor das Gespräch erkennen lässt, wie ernst seine Anwesenheit ist. Der Klang bringt etwas Vertrautes in eine neue Situation: Sie versucht, sich ein anderes Leben aufzubauen, und jemand aus ihrer Vergangenheit ist bereits da und wartet auf sie.
Die Ruhe dieser ersten Begegnung beseitigt die Gefahr nicht. Das Publikum kennt das Ergebnis von Bills Besuch, bevor es alle Einzelheiten erfährt. Deshalb sind einige Töne, die eine freundliche Begegnung begleiten könnten, von dem überschattet, was wir bereits wissen. Das Instrument muss nicht von sich aus bedrohlich klingen. Die Bedrohung entsteht aus dem Zusammenspiel von Klang, der Identität desjenigen, der ihn erzeugt, und den Informationen, die der Schnitt vorwegnimmt.
Die andere entscheidende Szene ist die Begegnung am Feuer, bei der Bill die Geschichte von Pai Mei erzählt. Dort ist die Flöte Teil eines intimen Moments der Weitergabe. Beatrix hört die Geschichte von jemandem, dem sie als Schülerin gegenübertreten muss. Bill gestaltet das Warten und bestimmt den zeitlichen Ablauf des Gesprächs. Das Instrument zeigt ihn als Erzähler, der zwischen Worten, Pausen und Tönen wechseln kann.
Beide Situationen gehören zur Vergangenheit der Beziehung, auch wenn der Film sie in seiner nichtlinearen Erzählung an verschiedenen Stellen einordnet. Die Flöte begleitet nicht das finale Duell zwischen Bill und Beatrix. Dieses Ende hat seine eigene klangliche und dramaturgische Gestaltung. Die Unterscheidung verhindert, dem Instrument einen Einsatz zuzuschreiben, den die veröffentlichte Schnittfassung ihm nicht gibt.
Eine Bambusflöte, die mit David Carradine verbunden ist
Bei dem sichtbaren Instrument handelt es sich um eine Bambusflöte. Die Verbindung zu Carradine ist durch Aussagen und Berichte aus der Zeit der Dreharbeiten dokumentiert: Der Schauspieler hatte Erfahrung mit diesem Instrumententyp, und sein Auftritt erinnert auch an Circle of Iron. Diese Verbindung verleiht Bills Darstellung eine zusätzliche filmhistorische Ebene. Es ist nicht nötig, die Flöte als konkretes japanisches Modell einzuordnen oder ihr eine bestimmte rituelle Tradition zuzuschreiben, die der Film nicht etabliert.
Die Art, wie Carradine das Instrument hält, ist ebenso bedeutsam wie sein Klang. Die Flöte ermöglicht es ihm, beschäftigt zu wirken, ohne gehetzt zu erscheinen. Während er spielt, muss er nicht um die Aufmerksamkeit seiner Gesprächspartnerin buhlen: Er zieht sie auf sich. Diese Ökonomie der Geste passt zu einem Mann, der daran gewöhnt ist, Gespräche zu kontrollieren. Das Instrument bietet eine einfache Beschäftigung, mit der er eine Antwort hinauszögern, einen Übergang markieren oder den Gedanken länger im Raum stehen lassen kann.
In der Geschichte über Pai Mei unterstreicht die Musik den mündlichen Charakter der Überlieferung. Bevor Beatrix den Meister im Training kennenlernt, begegnet sie ihm als Figur einer Erzählung. Bill verfügt über dieses Wissen und entscheidet, wie viel davon er preisgibt. Die Flöte beweist nicht, dass seine Geschichte in jedem Detail wahr ist. Sie verleiht der Erzählung eine Form, die je nach Moment verführerisch, feierlich oder leicht theatralisch wirken kann.
Dieser Einsatz verändert das Bild von Bill in Kill Bill. Seine Autorität beruht nicht allein auf den Befehlen, die er erteilt, oder auf einer Demonstration körperlicher Stärke. Sie entsteht auch durch seine Stimme, seinen Rhythmus und seine Fähigkeit, ein Gespräch zu einem Ereignis zu machen. Die Musik ist Teil dieser zwischenmenschlichen Kontrolle.
Ein Klang, den die Figuren hören können
Die Flöte hat innerhalb der Handlung eine sichtbare Quelle. Bill spielt sie, und Beatrix kann sie hören. Dadurch unterscheidet sie sich von einem Musikstück, das ausschließlich für das Publikum hinzugefügt wurde. Der Unterschied zwischen diegetischer und nichtdiegetischer Musikhilft zu verstehen, warum ihr Einsatz eine Verbindung zwischen den Figuren herstellt: Sie hören die Musik im selben Raum, den ihre Körper gemeinsam einnehmen.
In der Kapellenszene durchdringt der Klang räumliche Distanz und zieht Beatrix’ Aufmerksamkeit auf sich. Am Feuer begleitet er eine bereits bestehende Nähe. So erfüllt dasselbe Instrument unterschiedliche Funktionen. Im einen Fall holt es die Vergangenheit an den Ort, an dem Beatrix neu anfangen will; im anderen gehört es zu einer Erinnerung an Lernen und Vertrauen. Durch seine Wiederholung lassen sich zwei Lebensabschnitte miteinander verbinden, ohne sie auf eine einzige Bedeutung zu reduzieren.
Auch der sanfte Klang macht einen Widerspruch sichtbar. Eine Figur, die einen Angriff planen kann, vermag zugleich behutsam zu spielen und einen angenehmen Moment zu schaffen. Der Film stellt diese Sensibilität nicht als Beweis für Güte dar. Musikalische Aufmerksamkeit und Kontrollbedürfnis können nebeneinander bestehen. Dieses Nebeneinander macht Bills Ruhe beunruhigend, denn Freundlichkeit kündigt nicht unbedingt eine freundliche Absicht an.
Beim Ansehen dieser Szenen lohnt es sich, darauf zu achten, wann die Töne verstummen und eine Antwort beginnt. Die Flöte füllt die Gesprächspausen, ersetzt aber nicht das Gesagte. In der Rückblende auf die Kapelle eröffnet der vertraute Klang einen spannungsgeladenen Austausch. In der Rückblende auf das Training bereitet er aufmerksames Zuhören vor. Ihre Funktion liegt in diesen konkreten Übergängen, nicht in einem vermeintlichen Geheimcode, der die gesamte Beziehung erklärt.
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