Das riesige Gesicht im letzten Kapitel ist das gefilmte Bild von Shosanna, das vor den Nazi-Führern auf die Leinwand projiziert wird. Größe, Stimme und Beharrlichkeit dieses Bildes verwandeln den Saal in einen Ort, an dem die Zuschauer die Kontrolle über das verlieren, was sie sehen.
Ein Bild für ein bestimmtes Publikum vorbereiten
Shosanna improvisiert ihren Auftritt auf der Leinwand während der Premiere nicht. Sie nimmt zuvor eine Botschaft auf, die die Vorführung von Stolz der Nation unterbrechen soll. Dadurch wird ihr Wissen über das Kino zu einem erzählerischen Werkzeug: Sie kann einen Eingriff vorbereiten, ihn in eine Vorführung einbauen und sich an Menschen wenden, die sich nicht ausgesucht haben, ihr zuzuhören.
Der Adressatenkreis ist ebenso wichtig wie der Inhalt. Im Saal versammeln sich Regimevertreter, die gekommen sind, um eine Inszenierung ihrer Macht zu feiern. Die Botschaft erreicht sie im Rahmen einer Veranstaltung, die ihre Überlegenheit bestätigen soll. Deshalb hat die Unterbrechung eine andere Wirkung als eine Erklärung an einem anderen Ort: Sie stört eine Zeremonie, die ihnen gehören sollte.
Auch die Identität von Shosanna Dreyfus verändert sich. Während eines großen Teils ihres Lebens in Paris musste sie sie unter einem anderen Namen verbergen. Die Aufnahme ermöglicht es ihr, sich vor denen als Jüdin zu zeigen, die ihre Familie und ihre Gemeinschaft verfolgt haben. Mit dieser Enthüllung strebt sie keine gesellschaftliche Anerkennung innerhalb der bestehenden Ordnung an. Sie ist Teil eines Bruchs, von dem Shosanna weiß, dass er mit der Fortsetzung ihres bisherigen Lebens unvereinbar ist.
Die Arbeit mit Marcel verankert den Eingriff in einer Zusammenarbeit. Die Projektion entsteht weder durch übernatürliche Kräfte der Figur noch durch einen technischen Zufall. Sie wird in der materiellen Welt des Kinos vorbereitet – mit Menschen, die wissen, wie es funktioniert. Die geisterhafte Wirkung des Ergebnisses beruht auf einer ganzen Reihe vorausgehender Handlungen.
Der Tod des Körpers und das Fortbestehen der Aufzeichnung
Shosanna stirbt nach der Auseinandersetzung mit Zoller im Vorführraum, doch ihre Botschaft bleibt verfügbar und kann projiziert werden. Diese Trennung von Körper und Bild steht im Zentrum der Wirkung. Der Film lässt die Figur nicht buchstäblich wieder auferstehen. Er nutzt die Fähigkeit der filmischen Aufzeichnung, jemanden nach seinem Tod gegenwärtig werden zu lassen.
Der Kontrast ist besonders stark, weil das Filmpublikum weiß, was im Vorführraum geschehen ist. Die Gäste der Premiere sehen ein bedrohliches Bild; wir erleben zusätzlich, wie eine Person fortbesteht, die nicht mehr direkt sprechen kann. Dieselbe Projektion hat somit zwei Bedeutungen zugleich, abhängig davon, was die jeweiligen Zuschauer wissen.
Die Größe des Gesichts verändert das Verhältnis zwischen einer verfolgten Frau und den Autoritätspersonen, die sie betrachten. Auf dem Bauernhof hatte Shosanna sich unter dem Fußboden verborgen. Nun beherrscht ihr Abbild das Blickfeld im Saal. Diese räumliche Umkehr macht ihren Tod nicht ungeschehen, verleiht ihrem Bild aber eine Stellung, die das Regime ihr als Person zu verwehren versucht hatte.
Auch das Lachen trägt zu dieser Umkehr bei. Es ist keine spontane Reaktion auf jede Bewegung der Anwesenden, sondern Teil der aufgezeichneten Botschaft. Sein Fortdauern wirkt angesichts der Panik im Saal schrecklich gleichgültig. Das Bild lässt sich nicht mehr durch ein Gespräch, eine höfliche Anweisung oder eine Drohung an den Körper, der es hervorgebracht hat, unterbrechen.
Die Propaganda findet eine andere Leinwand
Die Vorführung von Stolz der Nation hatte Zollers Gewalt in ein bewundernswertes Spektakel verwandelt. Shosannas Auftritt nutzt dasselbe Medium, kehrt dessen Wirkung aber um. Die Zuschauer, die eine heroische Darstellung des Todes akzeptiert hatten, werden nun selbst zu Adressaten einer Drohung. Das Kino zeigt in seinem eigenen Inneren, wie ein Bild die Aufmerksamkeit und das Vergnügen eines Publikums lenken kann.
Das Gesicht, das im Rauch fortbesteht, wirkt unwirklich und ausdrucksstark. Der visuelle Effekt muss nicht als exakte Darstellung der optischen Bedingungen in einem brennenden Saal verstanden werden. Er soll das Bild seine Macht bewahren lassen, während der materielle Raum zerfällt. Die Leinwand ist nicht länger nur eine stabile rechteckige Fläche; Shosannas Präsenz scheint sich über den Ort auszubreiten, den ihre Feinde eingenommen hatten.
Diese Lesart zwingt nicht zu der Behauptung, der Film setze Shosanna ohne Weiteres mit dem nationalsozialistischen Propagandaapparat gleich. Ihre historischen und erzählerischen Positionen unterscheiden sich. Sichtbar wird jedoch, dass das Kino Gewalt für ein Publikum erfahrbar machen kann – und dass auch die Zuschauer von Inglourious Basterds an einer Vergeltungsfantasie teilhaben.
Das Kapitel versammelt weitere Pläne und Handlungen, doch das riesige Gesicht behält sein eigenes emotionales Zentrum. Die Schüsse der Basterds und Landas Entscheidungen gehören zu Handlungssträngen, die in derselben Nacht zusammenlaufen. Shosannas Projektion hängt nicht davon ab, ob diese Personen ihre Geschichte verstehen. Ihre Botschaft wirkt mitten in dieser Begegnung, ohne der Erklärung Aldos oder des deutschen Offiziers untergeordnet zu sein.
Die Gliederung in Kapitel ermöglicht es diesem letzten Abschnitt, ein Bild wiederaufzugreifen, das im ersten angelegt wurde: eine Überlebende, die wir auf der Flucht gesehen haben. Statt ihren Weg mit einem versöhnlichen Wiedersehen abzuschließen, verleiht der Film ihr eine überlebensgroße Präsenz nach ihrem Tod. Die vollständige Erklärung der Folgen gehört zum Ende von Inglourious Basterds, doch die Bedeutung des riesigen Gesichts liegt in seinem Fortbestehen: Das Opfer hinterlässt ein Bild, das seine Henker nicht kontrollieren können.
Mehr Kontext bietet der Leitfaden zu Inglourious Basterds.
