Shosannas rotes Kleid: eine Kostümentscheidung und verschiedene Lesarten

Das rote Kleid macht Shosanna unter den Gästen der Premiere sichtbar. Diese Funktion wird durch die Erläuterungen der Kostümbildnerin gestützt; Assoziationen mit Blut, Begehren oder Rache gehören zur Bildanalyse.

Der dokumentierte Grund für die Wahl von Rot

Die Kostüme für Inglourious Basterds entwarf Anna B. Sheppard. In ihrem Interview mit Clothes on Film erklärte sie, dass Shosannas Outfit für die Premiere zunächst als kurzes schwarzes Kleid geplant war. Die Wahl änderte sich, weil sie verhindern wollte, dass die Figur zwischen den übrigen Gästen optisch verschwand – besonders am letzten Tag ihres Lebens innerhalb der Erzählung.

Diese Information bietet einen präziseren Ausgangspunkt, als der Farbe eine einzige Bedeutung zuzuschreiben. Rot dient der Sichtbarkeit und Präsenz. Die Farbe hebt Shosanna bei einer Veranstaltung voller Uniformen, dunkler Anzüge und Abendkleider hervor. Die Entscheidung berücksichtigt, wie die Figur in der Gruppe wirken wird, und nicht nur den Eindruck, den das Kleidungsstück für sich genommen macht.

Die Kostümbildnerin brachte die Änderung außerdem mit einem feminineren Erscheinungsbild in Verbindung, das sich von der üblichen Kleidung der Figur abheben sollte. Während eines Großteils ihrer Zeit im Film kleidet sich Shosanna praktisch und ohne großes Interesse daran, Blicke auf sich zu ziehen. Die Premiere führt eine andere Art der Präsentation ein. Die Verwandlung wird lesbar, weil das Publikum eine frühere Erscheinung zum Vergleich kennt.

Das Kleidungsstück ist kein Beleg dafür, dass Shosanna den Gästen gefallen möchte. Sich einer Zeremonie entsprechend zu kleiden, kann dazu dienen, einen Platz in ihr einzunehmen, ohne ihren Zweck zu teilen. Der Film wahrt diese Distanz: Das Nazi-Publikum sieht die Kinobesitzerin für die Gala bereit; das Publikum kennt eine Absicht, die derselben Erscheinung eine andere Bedeutung gibt.

Rot, Schwarz und die Vorbereitung vor dem Spiegel

Die Kombination des Kleides mit den schwarzen Elementen, die das Gesicht rahmen, lässt sich als Kontrast lesen. Rot lenkt die Aufmerksamkeit auf den Körper, während der Schleier eine Fläche bildet, die das Gesicht teilweise dem Blick anderer entzieht. Dieses Zusammenspiel kann zugleich Sichtbarkeit und Zurückhaltung andeuten. Die Deutung hängt davon ab, wie die Elemente in der Szene inszeniert werden, und nicht von einem festen Farblexikon.

Schwarz kann mit Trauer und Rot mit Blut, Begehren oder Gefahr assoziiert werden, doch keine dieser Assoziationen erschöpft das Bild. Shosanna hat ihre Familie verloren, bereitet eine gewaltsame Aktion vor und nimmt an einer gesellschaftlichen Veranstaltung teil. Das Kostüm kann mehrere Dimensionen zugleich anklingen lassen. Es auf eine Formel wie „Rot gleich Rache“ zu reduzieren, würde einen Teil dieser Ambivalenz auslöschen.

Die Vorbereitung vor dem Spiegel macht deutlich, dass das Herrichten Zeit beansprucht. Beim Schminken und Anpassen ihres Erscheinungsbildes ist eine Konzentration auf das zu erkennen, was danach geschehen wird. Die Figur gestaltet ein Bild von sich, bevor sie sich dem Publikum zeigt. Die Kleidung ist Teil dieser Gestaltung, wirkt aber zusammen mit dem Schnitt, der Musik und der Darstellung von Mélanie Laurent.

Der Spiegel erzeugt eine Verdopplung, durch die Shosanna sich selbst beim Betrachten sichtbar wird. Er ist nicht bloß ein dekorativer Gegenstand zur Verschönerung des Zimmers: Er ermöglicht der Figur, sich mit dem gewählten Erscheinungsbild auseinanderzusetzen. Das Publikum sieht die Frau und zugleich ihr Verhältnis zu dem Bild, das sie vorbereitet. So wird das Kostüm zu einem Teil eines bewussten Entschlusses.

Ein Bild, das auch außerhalb der Gala seine Wirkung behält

Das Kleid behält seine Farbe, als sich die Handlung zur Arbeit und zur Gefahr im Vorführraum verlagert. Dadurch bleibt das Outfit nicht auf einen eleganten Auftritt beschränkt. Das Kleidungsstück begleitet Shosanna in einen technischen Raum, wo ihr Erscheinungsbild mit der Projektionsmaschinerie und der Dringlichkeit ihres Vorhabens kontrastiert. Gala und Beruf bleiben am selben Körper präsent.

Die Farbe wirkt auch materiell mit der Beleuchtung zusammen. In seiner Schilderung der Dreharbeiten für American Cinematographer beschrieb Robert Richardson rote Lichtreflexe, die beim Treffen im Vorführraum vom Kleid ausgingen. Dieses Detail gehört zur Kameraarbeit und ist von der symbolischen Deutung zu unterscheiden. Der Stoff trägt zum Licht bei, das auf die Körper in seiner Nähe fällt, und bringt zugleich seine eigene Farbe ins Bild ein.

Das Verhältnis zwischen dem Kleid und den Nazi-Flaggen in der Umgebung lässt sich als Gegensatz innerhalb einer ähnlichen Farbgebung lesen. Dasselbe Rot zu teilen, bedeutet nicht, dieselbe Absicht zu verfolgen. Der Film kann Shosanna in derselben Farbpalette wie die Zeremonie zeigen und zugleich zulassen, dass das Wissen um ihren Plan diese Nähe verändert. Die Farbe ist Teil eines visuellen Konflikts, ohne dass der Dialog ihn erklären muss.

Der Handlungsbogen von Shosanna Dreyfus gibt dieser Entscheidung für ein bestimmtes Erscheinungsbild ihren Kontext. Die junge Frau, die überlebt hat, indem sie ihren Namen verbarg, bereitet einen Auftritt vor, mit dem sie ihre Identität öffentlich machen wird. Ihr Kleid gehört zu dem Moment, in dem sie beschließt, sichtbar aufzutreten, auch wenn die Gäste noch nicht wissen, wer sie ist. Diese Deutung ergibt sich aus der erzählerischen Entwicklung und sollte nicht als wörtliche Aussage der Kostümbildnerin ausgegeben werden.

Die Analyse von Kostüm und Identität der Figur kann den Zusammenhang zwischen Kleidung, gesellschaftlicher Rolle und Schauspiel weiter ausführen. In diesem Fall beruht die Wirkung des Kleides auf einer konkreten und dokumentierten Entscheidung – Shosanna sichtbar zu machen – sowie auf den Assoziationen, die der Film darum herum aufbaut. Das Kleidungsstück erfüllt innerhalb der Inszenierung weiterhin eine praktische Funktion und lässt zugleich Deutungen zu, die sich je nach Ort, Licht und Wissen des Publikums verändern.

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