Esteban Vihaio in Kill Bill: seine Begegnung mit Beatrix

Esteban Vihaio, gespielt von Michael Parks, empfängt Beatrix in Kill Bill: Vol. 2, als sie Bill ausfindig machen will. Sein Auftritt erfüllt zwei Aufgaben: Er nennt ihr eine Adresse und bringt die Protagonistin mit jemandem zusammen, der ihren ehemaligen Chef lange vor der Rache kennengelernt hat. Der Besuch besteht aus Fragen, Erinnerungen und Komplimenten, die Beatrix die dringend benötigte Information vorenthalten.

Die Figur spricht aus Vertrautheit mit Bill und aus einer Position der Autorität über das eigene Umfeld heraus. Seine Freundlichkeit gegenüber der Besucherin steht neben Bemerkungen, die zeigen, wie er die Gewalt gegen Frauen beurteilt. Wer ihm zuhört, muss sowohl darauf achten, was er erzählt, als auch darauf, wie er seine Urteile formuliert.

Esteban ermöglicht das Wiedersehen aus Loyalität zu Bill. Das Gespräch gibt Beatrix die Orientierung, die sie braucht, zugleich aber auch eine fragwürdige Erklärung für seine Hilfe. Der Informant spricht wie jemand, der gewohnt ist, aus seiner Kenntnis einer anderen Person deren Wünsche abzuleiten.

Der Mann, der Bill als Kind kennenlernte

Beatrix’ Erzählstimme zählt Esteban zu den Vaterfiguren, die Bill im Laufe seines Lebens hatte. Er war mit Bills Mutter befreundet und kannte ihn seit seiner Kindheit. Wenn er von ihm wie von einem Sohn spricht, zeigt das die Zuneigung, aus der heraus er der Besucherin antworten wird. Diese persönliche Verbindung erklärt, warum sie ihn aufgesucht hat.

Die Vorstellung macht auch sein Milieu konkret: Esteban war ein Zuhälter, der jahrzehntelang ein Bordell in Acuña, Mexiko, leitete. Beatrix zufolge hatte er Autorität über die Acuña Boys, die Söhne der Frauen aus dem Etablissement. Die Nähe von Bill zu diesem Mann bringt eine liebevolle Beziehung in ein Umfeld der Ausbeutung. Dass Esteban eine Vaterfigur ist, macht seine Werte nicht automatisch bewundernswert.

Esteban erinnert sich daran, dass er den kleinen Bill mitnahm, um Wenn der Postmann zweimal klingelt zu sehen, und dass dieser von Lana Turner fasziniert war. Diese Begeisterung stellt er als Ursprung von Bills Vorliebe für Blondinen dar. So erzählt er von Bills Kindheit: Er reduziert eine erwachsene Beziehung auf die Wiederholung eines vertrauten Geschmacks und behandelt Beatrix als Bestätigung dieser Erinnerung. Dabei nimmt er die Rolle desjenigen ein, der längst zu wissen glaubt, was seinem Schützling durch den Kopf geht.

Warum er Beatrix sagt, wo Bill ist

Esteban bittet darum, sich auf Englisch zu unterhalten, und lenkt das Gespräch auf Themen, die ihn interessieren. Die Besucherin muss ihre Frage wiederholen, nachdem sie ihm zugehört hat. Für Beatrix Kiddo ist es praktisch, das Gespräch fortzusetzen: Die Person, die ihr den Weg weisen kann, redet gern, auch wenn sie ein anderes Tempo vorgibt. Seine freundlichen Antworten halten den Kontakt aufrecht, während sie erneut auf den Grund ihres Besuchs zu sprechen kommt.

Als er ihr Bills Aufenthaltsort nennt, erklärt er, dass er ihr hilft, weil Bill das so wollen würde. Beatrix stellt diese Erklärung infrage. Esteban antwortet mit Blick auf das künftige Wiedersehen der beiden. Seine angegebene Motivation stellt Bill in den Mittelpunkt der Entscheidung, obwohl die unmittelbare Nutznießerin die Frau ist, die ihn töten will. Die Hilfe kann entgegengesetzten Interessen dienen, ohne dass die Gesprächspartner diese teilen.

Esteban spricht mit der Sicherheit, die ihm seine Vertrautheit mit Bill gibt, in dessen Namen. Seine Aussage ist die Deutung eines Mannes aus Bills Umfeld, keine Anweisung, die Bill ihm laut Film erteilt hat. Die Information über den Aufenthaltsort ermöglicht die Weiterreise; die begleitende Erklärung lässt eine Ankunft erahnen, bei der der Gastgeber womöglich ebenfalls etwas von seiner Besucherin erwartet.

Höflichkeit und das Recht zu bestrafen

Esteban stellt Beatrix’ Entstellung als mildere Antwort auf Bills Schuss dar. Sein Vergleich hält an der Vorstellung fest, sie müsse bestraft werden: Er verändert das Ausmaß des Schadens, aber nicht das Recht, das er sich herausnimmt, darüber zu entscheiden. Marie-Pierre Huillet untersucht diesen Widerspruch zwischen Kultiviertheit und Grausamkeit in ihrer Dissertation von 2017 über Tarantinos Kino.

Die Bemerkung macht die Gewalt in seinem Urteil konkret. Für Esteban kann es Teil eines höflichen Gesprächs sein, den Körper einer Frau zu verletzen. Der freundliche Empfang und die Komplimente an Beatrix stehen neben einer Art, über sie zu urteilen, bei der im Vordergrund steht, was ein Mann ihr antun könnte, statt dessen, was sie erlitten hat. Dass er ihr eine nützliche Information gibt, ändert nichts an dieser Haltung.

Michael Parkshält den ruhigen Tonfall aufrecht, während er vom Kompliment zu einer hypothetischen Bestrafung übergeht. Die grausame Bemerkung fällt im selben Gespräch wie die Aufmerksamkeiten des Gastgebers. Dadurch lässt sich Esteban nicht bequem in zwei Versionen aufteilen, eine charmante und eine gewalttätige. Beatrix braucht seine Antwort, und das Publikum kann den Nutzen seiner Hilfe erkennen, ohne sich die Maßstäbe zu eigen zu machen, nach denen er sie anbietet.

Die Cinemateca Portuguesa führt Michael Parks in Vol. 1 als Earl McGraw und in Vol. 2 als Esteban Vihaio. Es sind zwei verschiedene Figuren, die derselbe Schauspieler verkörpert und durch Veränderungen bei Stimme, Aussehen und Sprechtempo von ihrem ersten Auftritt an unterscheidbar macht. Bei Esteban schafft der langsame Sprechrhythmus lange Pausen zwischen der Frage der Besucherin und der Antwort, auf die sie wartet.

Tarantino erklärte 2013 der Los Angeles Times, dass er die Szene geschrieben habe, obwohl er davon ausging, das Drehbuch sei zu lang, um sie aufzunehmen. Die Episode gibt einer Figur, die nahe am Ende des Films auftaucht, Raum für sich. Der Wechsel zwischen seinen Erzählungen und Thurmans Antworten hält die Aufmerksamkeit aufrecht, ohne eine weitere körperliche Auseinandersetzung hinzuzufügen. Parks kann eine Erinnerung ausdehnen, während sie versucht, wieder auf das offene Anliegen zurückzukommen; die Wartezeit wird durch den unterschiedlichen Rhythmus der beiden spürbar. So verleiht die Szene der Bitte um eine Adresse eine Dauer und eine Beziehung zwischen den Darstellern, die eine bloße Weiterfahrt zum nächsten Schauplatz ausgelassen hätte.