Pai Mei, gespielt von Gordon Liu, vereint enorme Kampfkunst mit Eitelkeit und Grausamkeit. In Kill Bill: Volume 2 macht ihn seine Stellung als Meister nicht zu einer freundlichen Figur: Er verspottet diejenigen, die zu ihm kommen, stellt seine eigenen Regeln auf und nutzt Demütigungen, um seine Überlegenheit zu behaupten. Von ihm zu lernen bedeutet, eine Behandlung zu ertragen, die der Film bewusst als unangenehm darstellt.
Seine Schülerinnen und Schüler erinnern sich nicht alle gleich an ihn. Was die einen als außergewöhnliche Meisterschaft bewundern, erleben andere als eine Kränkung, für die sie sich rächen wollen. Diese unterschiedlichen Reaktionen verorten ihn im Geflecht aus Meistern und Schülern der Filmreihe, ohne ihn auf den alten Mann zu reduzieren, der dem Helden eine Fähigkeit vermittelt.
Seine Einführung knüpft an den Archetyp des zurückgezogen lebenden Weisen an, doch sein Verhalten lässt keinen Zweifel daran, dass Alter und Erfahrung nicht mit Güte gleichzusetzen sind. Sein hohes Alter gehört zu der Legende, die Bill erzählt. Abgerundet wird die Darstellung durch ein Spiel, das zwischen Bedrohlichkeit, Arroganz und Komik wechselt und sich in seinem Blick, seinem Abwarten und seinen Reaktionen auf andere zeigt.
Ein gefürchteter Meister, noch bevor er erscheint
Bill führt Pai Mei mit einer Legende von hemmungsloser Gewalt ein. Die Erzählung bereitet auf eine gefährliche Begegnung vor und stellt den Meister über einen Gesprächspartner, der sonst andere beherrscht. Als er schließlich erscheint, muss er seine Autorität nicht erst erklären: Beatrix und das Publikum sind bereits gewarnt worden. Der Film nutzt diese Erwartung, damit eine abfällige Bemerkung schon vor einer körperlichen Demonstration Gewicht hat.
Die frühere Beziehung zwischen Bill und Pai Meistellt den Meister nicht unter die Befehlsgewalt des Killers. Bill kann die Begegnung ermöglichen, aber nicht bestimmen, wie Pai Mei Beatrix behandeln wird. Vor Pai Mei muss der Mann, der andere führt, eine Autorität anerkennen, die älter ist als seine eigene. Dieser Positionswechsel erklärt, warum Bill mit einer Mischung aus Bewunderung, Vertrautheit und Vorsicht von ihm spricht.
Seine Härte ist konkret: Er verachtet Beatrix' Herkunft und macht sich über ihre bisherigen Kenntnisse lustig. Statt damit anzufangen, was seine Schülerin weiß, konfrontiert er sie mit dem, was sie noch nicht kann. Seine Demonstration der Überlegenheit wirkt dadurch persönlich: Sie erschüttert ihr Selbstvertrauen. Sein Können ermöglicht es ihm, die Bedingungen festzulegen, beweist aber nicht, dass seine Urteile über sie gerecht sind.
Was bei Bill, Beatrix und Elle zurückbleibt
Beatrix lernt trotz ihrer anfänglichen Unterlegenheit weiter. Im Training mit Pai Meikann sich die Beziehung deshalb entwickeln: Er empfängt sie zunächst als jemanden, den er verspotten kann, und vermittelt ihr schließlich Fähigkeiten, die sie auch ohne seine Anwesenheit einsetzen kann. Man muss ihn nicht zu einem liebevollen Vater machen, um diese Veränderung anzuerkennen. Die Figur bleibt schroff, ist aber nicht länger nur ein Hindernis.
Beatrix lernt schließlich eine Technik, von der Bill glaubte, sie sei ihm vorbehalten. Diese Enthüllung macht den Unterschied zwischen den Schülern deutlich. Pai Mei kann den Zugang zu einem Wissen gewähren, ohne es allen zu vermitteln oder der Hierarchie der Gruppe zu unterwerfen. Seine Entscheidung lässt sich als außergewöhnliche Anerkennung Beatrix' verstehen: Jemand, den er anfangs verachtet, erhält schließlich eine Lehre, von der ein anderer Schüler nicht erwartet hätte, dass Pai Mei sie weitergibt.
Elle gesteht, ihn vergiftet zu haben, nachdem er ihr ein Auge ausgerissen hatte. Sein Tod setzt seiner Überlegenheit eine klare Grenze. Dass er seine Schüler während ihrer Prüfungen besiegt hat, schützt ihn nicht vor einem Verrat außerhalb dieses Rahmens. Die Rivalität endet durch ein Mittel, gegen das sich seine Kampfkunst nicht durchsetzen kann. Seine Fähigkeit, andere zu bestrafen, garantiert auch nicht, dass er die Reaktion der Bestraften kontrollieren kann.
Pai Mei lenkt auch Beatrix' spätere Rache nicht. Der praktische Nutzen des Gelernten, sichtbar bei Beatrix' Beerdigunggehört zu einem Moment, den er nicht bestimmt. Die Figur hinterlässt ein praktisches Vermächtnis, aber kein moralisches Programm, das alles rechtfertigt, was seine Schülerin später tut.
Gordon Liu und der Unterschied zwischen seinen beiden Rollen
In seinem Interview mit Quint für Ain't It Cool News aus dem Jahr 2003 erklärte Gordon Liu, dass er Pai Mei wegen des dramatischen Zusammenspiels mit Uma Thurman bevorzuge.
Liu macht die Verachtung sichtbar, ohne jede Reaktion in einen Wutausbruch münden zu lassen. Die Ruhe, mit der er Beatrix empfängt, steht im Kontrast zur Schnelligkeit seiner Demonstrationen. Wenn er wieder spricht, nimmt er die Haltung dessen ein, der die Sache für erledigt hält. Der Humor entsteht aus dieser übertriebenen Selbstsicherheit. Das Publikum kann ihn wegen seiner Eitelkeit lächerlich finden und ihn zugleich weiterhin für gefährlich halten.
Johnny Mo, seine andere Figur, kämpft im ersten Teil im Dienst von O-Ren Ishii. In einem Kampf gegen die Protagonistin verkörpert er einen Gegner innerhalb eines größeren Gefechts. Pai Mei hingegen teilt mit ihr einen Lebensbereich, in dem er prüft und verändert, was sie kann. Die Doppelrolle von Gordon Liumacht diesen Unterschied deutlich: Derselbe Darsteller trägt sowohl eine Konfrontation, die mit ihrem Ende abgeschlossen ist, als auch eine Lernbeziehung, die sich über längere Zeit entwickeln muss.
Tarantino hatte geplant, Pai Mei selbst zu spielen. In einem Interview mit IGN aus dem Jahr 2004, das von Slashfilm wiedergegeben wurde, erklärte er, er habe sich auf die Kämpfe vorbereitet und seine Meinung während der Dreharbeiten zum Haus der Blauen Blätter geändert. Seiner Erinnerung nach fiel die Entscheidung etwa in der fünften Woche einer Sequenz, deren Dreh acht Wochen dauerte. Die Regie erforderte seine ganze Aufmerksamkeit, und er hatte keine Lust mehr, zusätzlich die Rolle zu übernehmen. Da Gordon Liu verfügbar war, hielt er einen Wechsel in der Besetzung für unkompliziert.
Liu wiederum beschrieb Tarantino im Interview mit Ain't It Cool News als einen freundlichen Regisseur. Er erinnerte sich daran, dass Tarantino zwischen den Szenen Musik auflegte, um ihn zu entspannen, und seine früheren Arbeiten gut kannte. Diese Atmosphäre unterscheidet sich deutlich von der Behandlung, die Pai Mei seiner Schülerin zukommen lässt. Die Feindseligkeit des Meisters geht auf eine gemeinsam erarbeitete Darstellung zurück, die Raum für die Anweisungen des Regisseurs und die Reaktionen seiner Szenenpartnerin ließ.
